Wort zum Tage, 09.01.2019

Pastoralreferentin Monika Tremel aus Nürnberg

Heimat

Für die ehemalige syrische Fernsehköchin, Malakeh Jazmati, die als Flüchtling 2015 nach Deutschland kam, ist Kochen ein Stück Heimat. Bevor sie nach Deutschland kam, hat sie im syrischen Fernsehen gekocht. Dort nannte man sie „die Kochkönigin“. Alles, was sie auf der Flucht retten konnte, war ein Glas mit braunem Pulver. Eine arabische Gewürzmischung, Baharat genannt, aus Paprika, Muskatnuss, Zimt, Pfeffer, Koriander, Nelken, Kardamom und Kreuzkümmel. Wenn Malakeh das Glas öffnet und daran riecht, dann denkt sie zurück: an die Heimat, an die Familie, an all die schönen Erinnerungen von Früher.

Oftmals sind es ganz banale und alltägliche Dinge, die in uns Erinnerungen an die Heimat wecken. Wie das Kochen oder eine Gewürzmischung. So bleibt Heimat auch im Kleinen, im lieb gewordenen bestehen. Und manchmal gibt es gerade im Kleinen Antworten für die großen Menschheitsfragen, die uns unlösbar scheinen. Wie in der Gewürzmischung von Malakeh Jazmati.

Die Gewürzmischung will beim Kochen Verwendung finden. Sie lässt sich nicht aufbewahren für immer, luftdicht verpackt in einem Glas. Sie will verkocht werden und auf den Tisch kommen. Sie will erfahrbar sein und die Menschen verwöhnen. In die Gewürzmischung bringt jedes Gewürz seine eigene Note ein. Der Paprika schmeckt süß, die Muskatnuss eigenwillig. Der Zimt ist kräftig, Pfeffer und Kreuzkümmel sind scharf und Koriander unangenehm. Nelken haben einen blumigen Geschmack und Kardamom ist exotisch. Für mich zeigt sich darin: So wie die vielen Gewürze nur zusammen eine Note ergeben, so ist Heimat etwas, was nicht durch Abgrenzung und Separatismus entsteht, sondern im Zusammenklang von vielen unverwechselbaren Dingen und Menschen.

Neuerdings wird in der Politik viel darüber diskutiert, was Heimat ist und wie sie bewahrt werden kann. Ich denke mir, angesichts der vielen Menschen, die weltweit heimatlos sind und eine Bleibe suchen, ist es ein hohes Gut, einen Ort zu haben, mit dem wir vertraut sind. Wo wir Wurzeln schlagen und zu Hause sein können. Menschen wie Malakeh Jazmati halten mir vor Augen, was Heimat wirklich ist: ein Ort, der gestaltet werden und erfahrbar sein will. Ein Ort, der exotisch und gewöhnlich zugleich schmeckt, fremd und vertraut. In jedem Fall stets offen für neue Geschmacksrichtungen, die das Leben mit sich bringt.


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Dieser Beitrag wurde am 09.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Dr. Monika Tremel

Dr. Monika Tremel, Jahrgang 1967, ist Pastoralreferentin in der Erzdiözese Bamberg und derzeit Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde in Nürnberg. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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