Wort zum Tage, 21.01.2019

Pastoralreferent Martin Wolf aus Mainz

Vergebung

Siebzig mal sieben Mal. So oft soll ich vergeben, wenn einer mir Unrecht getan hat. So jedenfalls steht es in der Bibel. Siebzig mal sieben Mal, was doch nur heißen soll: Fang gar nicht an zu zählen, denn vergeben sollst du immer, ohne jede Einschränkung. Ich gebe zu. Das ist auch für mich so ein Satz, mit dem ich bis heute meine Schwierigkeiten habe. Weil ich selber merke, wie unendlich schwer mir das manchmal fällt. Selbst bei vermeintlich kleineren Dingen.

Zu den Begegnungen, die mich bis heute tief beeindrucken, gehört deshalb die mit einem jungen Mann in Ruanda vor ein paar Jahren. 1994 wütete dort ein Völkermord. In nur drei Monaten hat er fast einer Million Menschen das Leben gekostet. Es gibt fast keine Familie in dem kleinen ostafrikanischen Land, die davon nicht betroffen ist. Als Opfer oder als Täter. Der junge Mann, den ich getroffen habe, war zur Zeit des Völkermords noch ein Kind. Er hat mitansehen müssen, wie fast seine ganze Familie ausgelöscht wurde. Die Täter waren Leute aus demselben Dorf. Menschen, die er kannte. Er selber konnte sich verstecken und hat wie durch ein Wunder überlebt. „Ich empfinde keinen Hass mehr auf sie“, so hat er damals gesagt. „Ich habe ihnen vergeben!“

Ich erinnere mich, dass ich geschwankt habe, als er das sagte. Geschwankt zwischen Ungläubigkeit und Bewunderung. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich einem Menschen jemals vergeben könnte, der mir so etwas angetan hat. Doch zwei Dinge sind mir nach dieser Begegnung noch klarer geworden: Zum einen, dass es vielleicht die einzige Möglichkeit ist, um halbwegs in Frieden weiterleben zu können. Das Land ist klein und dicht bevölkert. Die Familien der Täter wohnen noch heute oft in derselben Straße wie die ihrer Opfer. Wenn es nicht gelingt, den Hass irgendwann zu überwinden, wird er früher oder später jeden von innen zerfressen. Und neuen Nährboden schaffen für noch mehr Hass und Gewalt.

Aber: Meine Vergebung findet erst dann ihr endgültiges Ziel, wenn der Täter bereut, was er mir angetan hat. Wenn er mir also glaubhaft machen kann, dass es ihm leidtut. Der Täter muss offen für meine Vergebung sein, muss sie auch wünschen, sonst läuft sie ins Leere. In Ruanda haben sie das damals versucht durch die sogenannten Gacaca-Gerichte. Das waren Versammlungen in den Dörfern, in denen sich die Täter ihrer Schuld stellen, den Hinterbliebenen ihrer Opfer ins Gesicht schauen mussten und dann ihre Strafe erhielten.

Siebzig mal sieben Mal sollst du vergeben. Für mich bedeutet das: Verweigere einem, der dich aufrichtig darum bittet, deine Vergebung nicht! Schwer genug kann das immer noch werden.


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Dieser Beitrag wurde am 21.01.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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