Morgenandacht, 28.01.2019

von Dr. Peter-Felix Ruelius aus Schlangenbad-Georgenborn

Richtige Worte

„An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne“.

Dieser etwas blumig erscheinende Satz entführt mich nicht nur in eine andere Jahreszeit, sondern mehr noch in eine andere Welt; eine Welt, die möglicherweise untergegangen ist. Es ist eine Welt, in der jemand nach Worten sucht. Unbeirrbar ist er davon überzeugt, dass ein geschriebenes oder gar gedrucktes Wort sich ganz mit der Wirklichkeit decken muss.

Der Autor dieses Satzes ist Joseph Grand, eine Nebenfigur in Albert Camus‘ Roman: Die Pest. Joseph Grand ist zwar nur ein unbedeutender Angestellter der Stadtverwaltung. Er ist ein Mensch mit einer – wenn man so will – verkümmerten Lebensgeschichte. Aber er hat eine Leidenschaft: die Sprache.

Sein Plan: Er will einen Roman schreiben. Allerdings kommt er über den ersten Satz seines Romans nie hinaus. Immer wieder variiert er ihn, findet neue Adjektive, sucht nach dem richtigen Rhythmus. Sein Ideal: Am Ende müsste sein Satz ganz und gar mit der Idee übereinstimmen, die er im Kopf hat.

Stunden, Tage und Wochen feilt er hartnäckig an diesem perfekten ersten Satz. Er findet ihn nicht, bleibt immer noch ein bisschen hinter seinem eigenen Ideal zurück. So scheitert er letztlich an seiner Liebe zur Sprache, an seiner Ehrfurcht vor dem richtigen Wort und dem passenden Ausdruck. Alles nur, damit kein Wort auf dem Papier steht, das nicht wirklich stimmt und gilt.

Ich mag Joseph Grand: Er ist unglaublich schrullig, aber, auch wenn er scheitert, ist er ein Held der Sprache. Er ist ein Mensch, der ernst nimmt, wie Worte die Wirklichkeit abbilden und sie gestalten.

Meine eigene Alltagserfahrung ist so: Ich schreibe das meiste für den Sofortgebrauch: Zusammenfassungen, Protokolle, Vorlagen, E-Mails, meistens in einem Takt, der wenig Zeit lässt für die Sorgfalt des Überlegens und Abwägens. Ab und zu merke ich im Nachhinein, dass eine Formulierung missverständlich oder unzutreffend war. Mit etwas mehr Sorgfalt hätte wahrscheinlich das richtige Wort am richtigen Platz gestanden.

Weihnachten ist noch nicht lange vorbei, es klingt noch nach. Und damit klingt auch nach, was vielfach verkündet wird und was den so schwer verständlichen Kern der Weihnachtsbotschaft ausmacht: Gottes Wort ist Mensch geworden. „Das Wort ist Fleisch geworden“, so lautet der bekannte Satz im Weihnachtsevangelium. Es gibt zu dieser Botschaft keinen Schlüssel, der sie im Nu und einfach aufschließt. Es gibt nur immer wieder behutsame Annäherungen. Eine davon ist für mich: Was bedeutet es, dass es ein Wort gibt, das so in der Welt gegenwärtig ist, dass es bleibt und Gott sei Dank unwiderruflich ist? Von der einen Seite her hat Karl Rahner es in seinem bekannten Zitat so formuliert: Gott hat sein letztes, tiefstes, schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in unsere Welt gesagt. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt, du Mensch.

Von der anderen Seite, gewissermaßen von der menschlichen Seite her, fordert mich diese Botschaft heraus, mit meinen eigenen Worten gut umzugehen. So, dass sie meinen, was sie sagen. Dass sie gut und richtig sind, dass sie nicht oberflächlich und nicht täuschend sind. So ist die Weihnachtsbotschaft in den sogenannten postfaktischen Zeiten mit einer sehr konkreten Aufgabe verbunden: Dem richtigen und guten Wort sein Recht zu geben.

Das kann heute so aussehen: Einmal bei dem, was ich schreibe oder was ich sagen will, innerlich einen Schritt zurücktreten; das Geschriebene noch einmal lesen oder innerlich nachhören, was ich sagen will: Stimmt es? Wird es richtig ankommen? Dieser Moment der Behutsamkeit, ob es sich um eine E-Mail handelt oder um die beiläufige Unterhaltung, kann dafür sorgen, dass meine Welt, oder die Welt meiner Worte, ein klein wenig richtiger und besser wird.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 28.01.2019 gesendet.


Über den Autor Peter-Felix Ruelius

Dr. Peter-Felix Ruelius, geboren 1964, ist Theologe und leitet den Zentralbereich Christliche Unternehmenskultur und Ethik bei der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier e.V.). Als Supervisor und Coach begleitet er Menschen in ihren beruflichen Herausforderungen. Vorher war Peter-Felix Ruelius fünfzehn Jahre Religionslehrer in Fulda und arbeitete mehrere Jahre in der Lehrerfortbildung. Was hilft ihm bei der Vermittlung des Glaubens - auch in schwierigem Kontext? Das Studium? Die Erfahrung? Auch. Aber vor allem: Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, möglichst viel Geduld und das wache Beobachten der Welt um ihn herum. Überall sind Spuren der Sehnsucht, der Hoffnung, des Glaubens; Gott macht für uns im Buch dieser Welt dauernd Notizen, und diese Notizen sind lesbar! Manches davon findet sich in den Radiotexten wieder.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche