Morgenandacht, 19.01.2019

von Ute Eberl aus Berlin

Zufallsbekanntschaften

Seit mehr als 10 Jahren hatte sie diese Unterleibsgeschichte – die Bibel nennt sie die ‚blutflüssige Frau‘. Einen Namen hat sie nicht. Sie ist eine dieser Zufallsbekanntschaften von Jesus. Und zwar so: Die Frau sieht Jesus, er geht schon vorbei, aber sie ist schneller. Von hinten berührt sie sein Gewand, voller Hoffnung: wenn sie nur sein Gewand zu fassen bekommt, dann könnte es gut werden mit ihr. Chapeau! Jesus dreht sich um und sagt zu ihr: „Hab‘ keine Angst, dein Glaube hat dir geholfen!“ Und von dieser Stunde an, so berichtet es die Bibel, war die Frau geheilt.“ (Mt. 9,22).

Mehr wissen wir nicht. Weder, ob sie eine glühende Anhängerin von Jesus wurde, noch ob sie von Tür zu Tür gegangen ist und anderen von ihrer Heilung erzählte. Keine Rede davon, dass sie sich wöchentlich mit den Menschen um Jesus herum traf. Die Bibel gibt ihr keinen Namen. Eine Zufallsbegegnung eben. Wir wissen nicht, wie es mit ihr weiterging. Und schon gar nicht wissen wir, was sie geglaubt hat.

Und doch sagt Jesus zu ihr: „Hab‘ keine Angst, dein Glaube hat dir geholfen“. Ich nehme Jesus beim Wort und stelle fest: er hat da keinen Glauben bei der Frau irgendwie gemacht, sondern er hat bei ihr einen Glauben vorgefunden – genau so sagt er es: dein Glaube, der ist schon da, der hat dir geholfen.

Eine blutende Frau – nach den damaligen Reinheitsvorschriften eine Ausgestoßene, die die Berührung mit anderen Menschen tunlichst vermeiden musste. Eine blutende Frau fasst ihn an. Das ist ein no go! Wahrscheinlich kam Jesus aus dem Staunen nicht heraus: was muss in dieser Frau lebendig sein, dass sie sich über alle Anstandsgrenzen hinwegsetzt. Wie groß muss ihre Verzweiflung sein, ewig beiseitegeschoben zu werden. Und wie groß ihre Hoffnung, dass es auch für sie ein gutes Leben gibt. Jesus staunt: so ein großer Glaube!

„Hab keine Angst, dein Glaube hat dir geholfen.“ Für Jesus zählt die Hoffnung dieser Frau: 12 Jahre -  man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen - 4.380 Tage hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben.

Stellen Sie sich nur vor, bei der nächsten Umfrage „wie glaubt Deutschland“ werden Sie nicht gefragt, ob Sie zur Kirche gehen, sondern ganz anders. Sie werden nach ihrer Hoffnung gefragt: wie schaffen Sie es, jeden Morgen aufzustehen und sich ihrer Welt mit all ihren Pflichten zu stellen? Wie schaffen Sie es, seit Jahren ihre Mutter zu pflegen? Wie schaffen Sie es, mit Minijobs ihre Kinder zu versorgen? Wie schaffen Sie das? Welcher Glaube hilft ihnen dabei, nicht zu verzweifeln?

Wahrscheinlich kämen die Interviewer aus dem Staunen nicht heraus. So viel Hoffnung und so viel Glaube!

Dass sie mich jetzt nicht falsch verstehen, ich will mit meiner Rede nicht die kirchliche Statistik aufbessern.

Ich glaube schlicht, dass Hoffnungsgeschichten unsere Welt aufatmen lassen. In der Hoffnung machen wir den Anker unserer Seele fest, so beschreibt es die Bibel (Hebr 6, 18-20). Und der Hoffnungsanker ist längst Symbol auch jenseits der Kirchenmauern geworden: gut so, denn die Hoffnung der Christen, die gehört der Welt! 

Ohne Hoffnung bin ich in Notzeiten aufgeschmissen. Wenn mir Gewissheiten wegbrechen, die immer gegolten haben; wenn ich einen Halt brauche, den ich mir selbst nicht geben kann – dann brauche ich die Hoffnung, die mich leben und überleben lässt.

Ich bin mir sicher: die Hoffnungsgeschichten wären überwältigend, ja als ob sie das Evangelium fortschreiben. Sie würden von Verzweiflung erzählen und vom Lebensmut, vom Hinfallen und Wiederaufstehen, von der Mühsal des Alltags und von kleinen Schritten. Voller Hoffnung auf ein gutes Leben.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 19.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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