Morgenandacht, 18.01.2019

von Ute Eberl aus Berlin

surf and soul

Wenn Sie schon immer mal einen Surfkurs machen wollten, Wind um die Nase und Seeluft tanken, dann hab ich einen Tipp für Sie: „Surf and Soul“. Gibt’s im Sommer an der Ostsee – der „Surfkurs mit Tiefgang“, so heißt es auf der Homepage von Surf and Soul: „Für Neulinge auf dem Wasser, aber auch für die, die schon gut auf dem Brett zuhause sind. Segel setzen und die Seele mitnehmen.“ Ein Angebot für junge Leute.

Surfen lernen heißt üben, da führt kein Weg vorbei. Der besondere Reiz dabei: nicht eine fest verankerte Fitnessmaschine fordert mich heraus, sondern Wind und Wellen. Langweilig wird das nie. Das Meer schreibt ja täglich neue Geschichten. Meine Kollegin – zugegebenermaßen eine recht erfahrene Surferin – sagt: „und dann kommst Du in diesen ‚Flow‘, diesen Glücksmoment, in dem einfach alles passt. Die Zeit bleibt stehen. Du spürst dich und du spürst deine Kraft und du vertraust dem Wind und den Wellen.“

Bei Surf and Soul geht’s ums Surfen. Aber nicht nur. Es geht um Tiefgang. „Ein heiliges Abenteuer für Menschen, die auf der Suche sind“ - so wird es angekündigt. Klingt esoterisch, ist aber zutiefst verwurzelt in der christlichen Tradition.

Der Surflehrer für die Seele ist bei Surf and Soul der heilige Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens. Ein kluger Mann, der was vom Seelentraining versteht.  Er lebte im 16. Jahrhundert, war sicherlich kein Windsurfer, dafür aber unersättlicher Gottsucher und  mit den Bewegungen der Seele in Wind und Wetter bestens vertraut.

Beim Surfen muss aufmerksam trainiert werden. Genauso viel Aufmerksamkeit braucht die Seele – so Ignatius. Die Seele steht ja nicht still, sie spürt, was mich unters Wasser drückt und was mich wieder auftauchen lässt, was mich ängstlich vor einer Welle wegducken und was mich waghalsige Sprünge machen lässt. Und genau hier verschränken sich die praktischen wind- und wettergebeutelten Erfahrungen auf dem Surfbrett mit den Bewegungen der Seele: immer geht es darum Entscheidungen zu treffen - auf den Wellen des Meeres wie ganz konkret im Alltag.  

Wer will das nicht – leben, nicht gelebt werden. Aktiv sein Leben gestalten, selbstbestimmt entscheiden. Und spürt gleichzeitig – nicht nur auf dem Surfbrett -, ich habe nicht alles in der Hand, bin lange nicht so frei, wie ich mir das vormache, arbeite mich an inneren wie äußeren Widerständen ab - und bin keineswegs  entscheidungsfreudig. Also, wenn ich ehrlich bin, ich tu mich schon schwer bei der Pizzawahl mit der Speisekarte in der Hand. Und da geht’s nicht um einen Lebensentwurf, nicht um die Entscheidung für oder gegen ein Studium, nicht darum, die Ausbildung weiterzumachen oder zu beenden. Auch wer sich nicht entscheidet, trifft eine Entscheidung.

Ignatius empfiehlt deshalb, sich für das Verspüren der Seelenbewegungen ruhige Zeiten zu gönnen. Und die gibt’s auch bei Surf and Soul, unterstützt von einer geistlichen Begleiterin. Die Vormittage gehören der Stille und dem Schweigen. Herausfinden, was mir eher Mut macht oder was mich entmutigt, was mir das Herz weitet oder mir die Luft zum Atmen nimmt. Gepaart ist das Achten auf die Seelenbewegungen mit ganz nüchternen Fragen aus der ignatianischen Spiritualität. Der Blick wird gelenkt auf die inneren und äußeren Einflüsterer. Ich nenn‘ sie mal ‚die Gaukler‘, die mir möglicherweise vormachen wollen, wo mordsmäßig viel Leben drin steckt -  aber sich bei genauer Betrachtung auch als Vermeidungsstrategen enttarnen könnten. Es geht darum herauszuhören, was Gott für mich will. Denn Gottes Wille ist ein Lebenswille für uns Menschen.

Dass der große Flow mit Gott automatisch eintritt wird dabei nicht versprochen. Aber das hat der Surflehrer aus dem 16. Jahrhundert, Ignatius von Loyola, auch nicht gemacht. Sein Trainingsangebot für das heilige Abenteuer lautet:

„Tue alles dafür, dich von Gott finden zu lassen –  er sucht dich schon lange.“

Und eine Teilnehmerin hat’s für sich so auf den Punkt gebracht: Der Wind, der hat’s spirituell einfach in sich.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 18.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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