Morgenandacht, 08.12.2018

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl aus Regensburg

Du darfst sein!

Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist die Freude in aller Regel groß. Es gibt da so etwas wie eine Willkommenskultur: ein neugeborenes Kind zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Die Umstehenden bestaunen dieses kleine Wunder, ein Lächeln vertreibt für einige Momente die Sorgenfalten. Da ist eine überschwängliche Freude über das neue Leben, ohne dass der kleine Mann oder die kleine Frau irgendetwas dazu beigetragen hätte. Es ist einfach schön, dass du da bist – ungeachtet dessen, was da noch alles kommen könnte oder auch wie schwer vielleicht die Geburt gewesen sein mag! Willkommenskultur!

Meist ändert sich das leider ziemlich schnell. Die Zustimmung wird abhängig von Leistung. Ein Kind lernt: „Ich muss etwas tun oder darf etwas nicht tun, damit ich gelobt werde!“ Erst sind es ganz basale Dinge: brav essen und trinken, zur geeigneten Zeit schlafen und wieder aufwachen. Die ersten Schritte werden begeistert ins Tagebuch geschrieben, aber bald heißt es „hierhin, nicht dorthin“. Greifen ist wunderbar, aber das Regal ausräumen weniger! Da heißt es nicht mehr: „Du bist ja ein ganz braves Kind!“, sondern du bist brav, wenn du dein Zimmer aufräumst, die Zähne putzt, den Müll rausträgst. Leistung gehört eben zum Leben; bei Erfüllung der Erwartungen gibt es Lob, Tadel dagegen bei Versagen.

Aber es gibt Momente, in denen sich das Wunder der Geburt zu wiederholen scheint. Ich fühle mich wie neu geboren, wenn mich jemand liebt, so wie ich bin, ohne wenn und aber. In Zeiten des Verliebtseins haben die Betroffenen eine sogenannte rosarote Brille auf: Alles stimmt an dem oder der Geliebten, obwohl es Außenstehende möglicherweise ganz anders wahrnehmen. Und wenn mich der oder die Geliebte auf Händen trägt, ist das wunderbar! Was will ich noch mehr?

Leider geht auch diese Phase über kurz oder lang vorbei. Aber ich meine, dass etwas von alledem bleibt: Nämlich die Sehnsucht nach diesem Gefühl, das im Herzen gespeichert ist. Es ist das Gefühl: Ich darf so sein, wie ich bin – und ich bin geliebt, so wie ich bin. Es ist das Grundvertrauen, das ich zum Leben brauche, um auch mit Schwierigkeiten fertig zu werden. In der christlichen Taufe wird genau dies einem kleinen Menschen ein für alle Mal ins Stammbuch geschrieben. Da sagt Gott zu dir: Du bist gewollt und geliebt und nichts könnte diese Zusage auslöschen.

Das heißt nicht, dass man sich darauf ausruhen kann. Natürlich darf und soll ich aus meinem Leben etwas machen, natürlich gibt’s da auch Unangenehmes und Rückschläge. Aber meine Existenz und mein Geliebtsein muss ich mir nicht verdienen. Für mich hat die Taufe als Eingliederung in den christliche Gemeinschaft daher auch eine ganz wichtige gesamtmenschliche Bedeutung: Wir feiern das Grundvertrauen ins Leben!

Die katholischen Christen feiern dieses Grundvertrauen heute exemplarisch an einem besonderen Menschen: an Maria, der Mutter Jesu. Dieses Fest der „Unbefleckten Empfängnis“ wird leider meist missverstanden. Es feiert die Überzeugung, dass Maria vom ersten Moment ihres Daseins an von Gott her „voll der Gnade“ ist, also beschenkt ist mit der Zusage: „Du bist mein geliebtes Kind und mit dir habe ich Großes vor – verlass dich darauf, was immer auch passiert, dass du von mir getragen und gehalten bist.“

Kein Misstrauen und kein Kleinglaube, kein Fleck also trübt dieses Grundvertrauen ins Leben. Und das soll eigentlich für jeden Menschen gelten! In Österreich ist heute sogar ein gesetzlicher Feiertag. Ich versuche es mir hier heute wenigstens für mich persönlich neu ins Bewusstsein zu rufen: Ich darf nicht erst sein, wenn ich etwas geleistet habe. Ich darf sein, weil ich grundlegend und ohne Vorbehalte angenommen und geliebt bin.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 08.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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