Morgenandacht, 07.12.2018

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl aus Regensburg

Heilsames Erinnern

Keine andere Zeit des Jahres ist so eng mit Erinnerungen verbunden wie die Advents- und Weihnachtszeit. Erinnerungen an die Kindheit, an Bräuche, Erinnerungen an Geschenke oder an Essen und Düfte aus vergangenen Tagen. Sie haben sich möglicherweise ebenso eingeprägt wie auch schmerzliche Erinnerungen an Enttäuschungen oder Verluste. Glückliche und weniger glückliche Erinnerungen kommen in der Advents- und Weihnachtszeit an die Oberfläche.

Vielleicht ist diese Zeit ja auch für Sie eine gute Gelegenheit, alte Fotos anzuschauen und schöne Erinnerungen aufzufrischen. Erinnerungen sind „Wärmflaschen für die Seele“, habe ich mal gelesen. Genau genommen, sind wir eigentlich ganz oft am Erinnern: „Wenn ich daran denke, wie ich euch das letzte Mal besucht habe, da bist du mir noch bis zum Bauchnabel gegangen – und jetzt muss ich hochschauen zu dir!“ Oder: „Das waren noch Zeiten, als uns der alte Chef zu seinem Geburtstag immer einen ausgegeben hat!“ Ich denke, wir preisen da nicht nur die gute alte Zeit, die sich vielleicht im Rückblick verklärt hat. Es ist auch eine Vergewisserung, dass zur eigenen Lebensgeschichte trotz vieler Tücken auch sehr viel Dankenswertes gehört.

Was Christen an Weihnachten feiern, hat ebenfalls sehr viel mit Erinnerung zu tun: Gott hat sich seines Volkes erinnert, so heißt es an mehreren Stellen in der Bibel. Eine wichtige Gestalt in der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas ist Zacharias, der Vater Johannes des Täufers. Sein Name bedeutet übersetzt: „Gott hat sich erinnert!“ Im Magnificat, dem Lobgesang der Maria anlässlich ihres Besuchs bei ihrer ebenfalls schwangeren Cousine Elisabeth, wird an diese alte Verheißung angeknüpft. Maria lobt Gott mit den Worten „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lk 1,54)

Die Bibel regt die Gläubigen an, sie sollten sich ihrerseits stets an Gott erinnern: Gott soll den Menschen „inner-lich“ werden. Der Kirchenvater Augustinus hat das im 4. Jahrhundert so formuliert: „Gott ist mir innerer als mein Innerstes!“ Vielleicht ist Erinnerung sogar ein gutes Wort für Spiritualität: sich immer wieder nach innen zu wenden, um mit dem Innersten in einem guten Kontakt zu stehen! Dafür gibt es schöne Anregungen bei Literaten und spirituellen Persönlichkeiten:

Hermann Hesse empfiehlt z.B. das Lesen im Buch der Erinnerung. Für den Schriftsteller Jean Paul ist die Erinnerung das Paradies, aus dem uns keiner je vertreiben kann. Henri Nouwen, der niederländische Priester und Psychologe, hält die Erinnerung für einen kostbaren Schatz, den wir in unserem Inneren tragen. Wichtig dabei ist, so sagt er, dass wir aktiv mit unserer Erinnerung umgehen, dass wir Verletzendes und Dunkles im Leben nicht ausklammern, aber immer auch dazu bedenken, was in einer schlimmen Situation hilfreich und rettend gewesen ist.

Die Art und Weise, wie ich mich erinnere, liegt also in meinen Händen. Wenn ich in alten Wunden „bohre“ und frage, warum sie ausgerechnet mir zugefügt wurden, dann werden sie nur noch größer. Besser ist es, mich auch daran zu erinnern, was mir geholfen hat. Ich erinnere mich an bestimmten Tagen an eine Zeit längerer Krankheit in meinem Leben. Diese Zeit war nicht leicht. Aber immer, wenn sich diese Bilder wieder auf meiner geistigen Leinwand breit machen, denke ich auch an die Begleitung guter Menschen in dieser Zeit und an den guten Ausgang, für den ich der Medizin dankbar bin. Als glaubender Mensch deute ich diese guten Erinnerungen als Gottes Heilkraft und als seine schützende und begleitende Hand über mir.

Wenn ich das im Blick habe, dann können auch verletzende Erfahrungen zu einem kostbaren Schatz werden, den ich hüte.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 07.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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