Morgenandacht, 06.12.2018

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl aus Regensburg

Geschenkt

Stellen Sie sich vor, Sie schlagen in der Früh die Tageszeitung auf und lesen im Anzeigenteil folgendes Angebot: „Biete 1 Tag gratis Hilfe für Haus- oder Gartenarbeit in der kommenden Woche von Montag bis Samstag: Räumen – Reinigen – Streichen. Bin männlich, evangelisch, praktisch, mobil. Melden Sie sich unter folgender Telefonnummer.“ Die Betonung liegt auf gratis!

Der Herr, der diese Anzeige geschaltet hatte, wurde durch die Frage geleitet: „Was mache ich im Urlaub, wenn meine Frau fünf Tag lang beruflich ins Ausland reist?“ Er wollte etwas Sinnvolles tun und nicht unbedingt selbst daran verdienen. In kurzer Zeit meldeten sich 15 Personen: ein Ehepaar, Omas und Witwen, aber auch eine Familie, meist jedoch ältere, kranke und allein stehende Menschen. Nach dieser Woche, so schildert der Wohltäter, bleiben für ihn neben einigen schönen Kontakten ein ordentlicher Muskelkater und - ein großes Glücksgefühl dank wertvoller Gespräche.

Diese Begebenheit habe ich in einem Adventskalender für den heutigen Nikolaustag gefunden – und sie beeindruckt mich sehr. Mich faszinieren die Idee einer solchen Annonce, der Einsatz von kostbarer Urlaubszeit für wildfremde Menschen, und nicht zuletzt der Verzicht auf Entlohnung. Gratis – geschenkt – einfach so!
Heute, am Nikolaustag, freuen sich Kinder über Süßigkeiten und andere feine Dinge in den Schuhen, die sie vor die Tür gestellt haben. Oder sie zittern ein wenig über einen Besuch des berühmten Heiligen aus Myra, der dann letzten Endes doch auch etwas Feines zurücklässt. Aber Nikolaus, die legendäre Gestalt eines guten Bischofs, könnte in der Tat noch mehr zum Nachdenken anregen: zum Beispiel über die Frage, was es im Leben eigentlich geschenkt gibt?!

Mir ist ein Satz des Philosophen Immanuel Kant im Gedächtnis geblieben. Da heißt es: „Das Gute um seiner selbst willen zu tun, ist der Inbegriff von Freiheit.“ Der Satz hat es in sich: Zum einen ist die Freiheit bezogen auf das Gute – also nicht: jeder macht einfach mal, was er will. Zum anderen hat Freiheit mit Handeln zu tun, nicht nur mit Entspannung. Gutes tun – weil es langfristig die bessere Lösung ist, weil es ein gutes Gewissen macht, weil es möglicherweise – wenn schon nicht Geld – so doch Ansehen bringt. Das alles sind sicherlich ehrenwerte Ziele, aber noch nicht das Ziel! Dazu gehört – so Kant – noch ein drittes: nämlich „um seiner selbst willen“. Das heißt für mich: Ich nutze meinen Platz im Leben, um dem Guten in der Welt mehr Raum zu geben. Ich will, dass das Gute in der Welt ist und sich ausbreitet, ohne gleichermaßen Gegenleistung zu erlangen.

Zugegebenermaßen ist das ein sehr hehres Vorhaben. Das Gegenteil aber ist gruselig: Jeder denkt in erster Linie an sich und fragt auf Schritt und Tritt: „Was bringt mir das?“ Darüber mache ich mir in der Tat zunehmend Sorgen: Hat die Ökonomie, so wichtig sie ursprünglich ist, mittlerweile alle Lebensbereiche, auch das Zwischenmenschliche so sehr im Griff, dass ich für alles und jedes eine Gegenleistung erwarte? Etwas schenken, jemanden einladen, eine gute Tat – immer unter der Überschrift: „Wer weiß, wofür es gut ist? Wird sich schon rechnen!“ Ich meine, da geht etwas Wesentliches von uns Menschen verloren.

Der heutige Nikolaustag ist für mich darum ein Tag für eine andere Art von Ökonomie: Heilsökonomie. Dieser Begriff hat sich in der Theologie des 19. Jahrhunderts gebildet. Er steht für die Überzeugung, dass Gott in der Welt und in der Geschichte wirkt, um sie zum Heil, also zum Guten zu führen. Dazu braucht er Menschen, die – nach Kant – in Freiheit das Gute um seiner selbst willen tun – ohne zu fragen: Was habe ich davon? Sondern aus der Überzeugung, damit das Richtige zu tun.

Was könnte heute mein Beitrag für das Gute sein?

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 06.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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