Morgenandacht, 05.12.2018

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl aus Regensburg

Es ist was es ist

 „Es ist was es ist.“ So lautet ein bekanntes Gedicht von Erich Fried über die Liebe. Es ist aber auch der Titel eines Kunstwerkes, das derzeit in der Kirche St. Coloman in Harting bei Regensburg zu sehen ist. Mit dem, was man sieht, könnte man oberflächlich schnell fertig sein: Da steht eine schwangere Frau, ihre rechte Hand ruht schützend auf ihrem Leib, ihr Blick geht gleichermaßen hinaus in die weite Zukunft wie nach innen. Die Bildhauerin Andrea Zrenner hat die Skulptur aus weiß lasiertem Zirbenholz geschaffen.  Hinter der Skulptur steht ein Engel, seine Flügel sehen aus wie eine schützende Rückwand. Sein Blick ist neutral, mutet nach Ewigkeit an. Etwas aber macht stutzig: Die Flügel-Rückwand hat ein Loch. Die Form des Lochs erinnert mich an die Form eines ungeborenen Kindes.

Andrea Zrenner hat ein wichtiges Erlebnis ihrer Biografie in dieser Skulptur verarbeitet, der sie den Titel gegeben hat: „Es ist was es ist“. Während der Schwangerschaft ihres vierten Kindes wurde bei dem Kind Trisomie 21 festgestellt. Gegen den Rat ihrer Ärztinnen entschied sie sich dafür, das Kind behalten zu wollen. Als sich auch alle Familienmitglieder auf die Ankunft ihrer besonderen Charlotte eingestellt hatten, kam die Nachricht, dass das Kind aller Voraussicht nach nicht werde leben können. In dieser Situation seien der Mutter die Worte „Es ist was es ist“ immer mehr zur Hilfe geworden. Es ist was es ist – sagt die Liebe! So geht das Gedicht weiter. In Liebe Charlotte annehmen, in Liebe sie auch gehen lassen. Das waren ganz schöne Turbulenzen damals – und manchmal sind sie es auch heute noch, so schildert die Künstlerin ihre Gefühle. Ein Ergebnis davon ist auch die beschriebene Skulptur.

Bei der Vernissage nehme ich – wie zu erwarten – gemischte Gefühle bei den Betrachtenden wahr. Zunächst mal die Freude über das wohlgestaltete Kunstwerk – und über die Künstlerin, die aus der Gemeinde stammt. Aber dann, bei näherer Beschäftigung, auch das mulmige Gefühl, dass es da um schmerzliche Lebenswirklichkeiten geht, die möglicherweise auch schmerzhafte eigene Erinnerungen auslösen. Und dennoch oder gerade in diesen schmerzhaften Momenten trägt der Titel: Es ist was es ist.

Die Künstlerin, die auch ein kleines Geschäft betreibt, erzählt dann von einer Begebenheit, in der sie selbst ihre Überzeugung weitergeben konnte. Eine Dame mittleren Alters möchte eine Karte zur Taufe kaufen. Sie wirkt unentschlossen, schüttelt immer wieder den Kopf und sagt dann: „Meine Nichte wollte das Kind ja unbedingt! Ich kann das nicht verstehen!“ „Was können Sie nicht verstehen?“, fragt die Künstlerin vorsichtig. „Naja, das Kind hat dieses Down-Syndrom. Das muss doch heutzutage nicht mehr sein. Aber sie wollte dieses Kind um jeden Preis.“ Nach einigen Momenten Stille sagt die Künstlerin: „Ich kann Ihre Nichte sehr gut verstehen!“ Und sie beginnt, ihre persönliche Geschichte mit Charlotte zu erzählen. Sie erzählt, welchen Rückhalt ihr die Liebe der Familie gegeben hat und wie sehr die wenigen Monate mit Charlotte ihrem Leben eine ganz neue Wendung gaben. Denn dieses Kind habe sie gelehrt, dass Liebe stärker ist als jede Angst und Verzagtheit der Welt. Eine Rückwand aus Liebe – die selbst das Loch der Trauer umschließt!

Erich Frieds Gedicht trifft für mich hier wirklich den Punkt: „Es ist Unsinn sagt die Vernunft / es ist Unglück sagt die Berechnung / Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst / Es ist aussichtslos sagt die Einsicht / Es ist was es ist sagt die Liebe.“[1] Ich habe diese Worte noch nie so klar gehört wie angesichts der Geschichte unserer Künstlerin. Sie fühlt sich von einer Rückwand aus Liebe getragen – und sie gibt diese weiter an alle, die ihr Kunstwerk betrachten und in ihrem eigenen Leben Schmerzliches erleben.

Zitate
[1] E. Fried, Es ist was es ist. Liebesgedichte – Angstgedichte – Zorngedichte, Berlin (Wagenbach) 1996, S. 43.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 05.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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