Morgenandacht, 04.12.2018

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl aus Regensburg

Auf einen grünen Zweig kommen

„So kommst du auf keinen grünen Zweig!“ Über diesen Satz habe ich mich als Kind immer gewundert. Irgendwann forschte ich dann nach der Herkunft dieser Redewendung und fand heraus, dass ein grüner Zweig in früheren Zeiten bei der Übergabe von Grundbesitz eine Rolle spielte. Der bisherige Eigentümer überreichte dem neuen einen grünen Zweig von einem Baum des Grundstücks. Mit diesem Zeichen übergab er ihm das Besitzrecht. Dazu kam der Wunsch, die guten Geister, die in den Bäumen des Grundstücks wohnen, würden gleich mit einziehen und das Haus und seine Bewohner schützen. Mit einer Besitznahme wird man natürlich reicher. Und dann kommt man eben auf einen grünen Zweig.

Ferner galt der grüne Zweig in der Antike als Siegeszeichen und Kampfpreis bei einem Turnier. Er war ein Symbol für Wachsen und Gedeihen, für den Zuwachs an Leben, den sich der Sieger durch seine Anstrengungen erworben hatte. So wurde der grüne Palmenzweig auch zum Siegeszeichen der Märtyrer (vgl. Offb 7,9), weil sie – wie der Apostel Paulus sagt - „den guten Kampf gekämpft“ (2 Tim 4,7) haben.

Heute, am 4. Dezember, steht eine berühmte Heilige, eine Märtyrerin, im Kalender der Kirche. Ihre Geschichte ist in ganz besonderer Weise mit einem grünen Zweig verbunden: Die heilige Barbara! Nach der Überlieferung sei sie auf dem Weg in das Gefängnis mit ihrem Gewand an einem Zweig hängengeblieben. Sie habe den abgebrochenen Zweig in ein Gefäß mit Wasser gestellt, und der habe genau an dem Tag zu blühen begonnen, an dem sie zum Tode verurteilt wurde. Für Barbara war das ein Hoffnungszeichen in einer schweren Stunde. Darum werden auch heute vielerorts am Barbaratag Kirsch-, Apfel- oder Forsythienzweige geschnitten und ins Wasser gestellt. Sie sollen bis zum Heiligen Abend blühen und in der kalten und dunklen Winterzeit Zeugnis für das Leben sein – ein Hoffnungszeichen!

Ich überlege weiter: Was ist denn notwendig, um in schwieriger Zeit auf einen grünen Zweig zu kommen? Martyrium bedeutet nicht zwangsläufig, einen gewaltsamen Tod zu erleiden. Martyria heißt: Zeugnis geben, zu seiner Überzeugung stehen. Und dieser Weg ist oft mit Schwierigkeiten verbunden, mit Zeiten, in denen einen nur die Hoffnung trägt. Ich denke an das Kämpfen in Zeiten des Lernens und der Ausbildung; ich denke an Zeiten, in denen ich um eine Entscheidung ringe; ich denke an Zeiten, in denen ich mit einem Schicksal hadere. „Da musst du durch!“, höre ich dann oft Leute sagen. Und es stimmt: diese schwierige Wegstrecke erspart mir jetzt niemand.

Aber durch diese Zeiten hindurch kommt nicht nur ein Barbarazweig zum Blühen, sondern auch ich wachse und reife und werde zu dem Menschen, der ich eigentlich bin. Der Wiener Arzt und Psychotherapeut Viktor E. Frankl hat darauf hingewiesen, dass das Glück oder das Ich-selbst-Werden immer Zeit zur Entwicklung braucht. Er meint, Selbstverwirklichung könne nicht auf direktem Wege erzielt werden, sondern nur auf einem Umweg. Es muss erst ein Grund da sein, als dessen Folge sich dann die Selbstverwirklichung aber von selbst einstellt. Mit einem Wort, Selbstverwirklichung kann man nicht er-zielen, sie muss er-folgen.[1]

Auf einen grünen Zweig komme ich also oft erst durch viel Warten, Hoffen und Bangen, durch viel Anstrengung und manche Fehlversuche. Diese Zeiten sind dennoch keine Fehlzeiten, sondern Reifezeiten. So stelle ich heute auch Barbarazweige in meine Wohnung und warte auf das Aufblühen. Sie zeigen mir, dass ich die Wartezeit auch in meinem Leben wieder annehmen will, um auf einen grünen Zweig zu kommen.

Zitate
[1] V.E. Frankl, Logotherapie und Existenzanalyse, S. 288/289, zit. n. Der Seele Heimat ist der Sinn. Logotherapie in Gleichnissen von Viktor E. Frankl. Zusammengestellt und kommentiert von Elisabeth, Lukas, München (Kösel) 2005, 81.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 04.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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