Am Sonntagmorgen, 06.01.2019

von Prof. Dr. Sabine Demel aus Regensburg

Übers Wasser gehen oder was heißt Gottvertrauen für mich (Mt 14,22 – 33)

Übers Wasser gehen können, wie Jesus – was für eine faszinierende Vorstellung! Aber selbst viele gläubige Menschen dürften damit ihre Schwierigkeiten haben. Nicht umsonst kursiert der Witz, den jeder und jede so oder so ähnlich kennt:

Treffen sich ein katholischer, ein evangelischer und ein jüdischer Geistlicher zu einem Gespräch über ihre Glaubensvorstellungen. Nach ernsten Debatten über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrem Glauben beschließen sie, noch eine kleine Partie im Ruderboot zu unternehmen.
Als die drei also mitten auf dem See sind, steht der Katholik auf, steigt aus dem Boot, läuft ne Runde übers Wasser, kommt zurück und setzt sich wieder!
Der Evangele wills ihm gleichtun, steigt aus – und säuft ab! Der Jude  steht auf, steigt aus, dreht seine Runde und kommt trockenen Fußes wieder ins Boot.
Der Katholik grinst übers ganze Gesicht und meint: „Hätte nicht gedacht, dass Du auch den Trick mit den Steinen kennst!“ – Darauf der Jude: „Welche Steine?“

Was hat es also mit dieser Vorstellung über das Wasser gehen zu können auf sich? Woher kommt sie? Und was ist ihre Botschaft – an mich, an Sie, an alle, die bereit sind, sich für diese Vorstellung zu öffnen?

In der Bibel gibt es eine Erzählung, in deren Mittelpunkt die Aussage steht, dass Jesus über das Wasser des Sees Genezareth geht, und zwar mitten in der Nacht und bei stürmischer See. Seinen erschrockenen Glaubensanhängern, also seinen Jüngern, spricht er dabei Mut zu. Hören Sie selbst, wie diese Erzählung in der Fassung des Matthäusevangeliums lautet:

„Jesus drängte die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.

In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See.Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.“ So was können nur Christen erzählen – oder? Übers Wasser gehen zu können bei stürmischem Seegang und mitten in der Nacht! Wie soll das bitte schön gehen?! Gibt es wirklich Menschen, die glauben, dass damals Jesus und dann auch Petrus tatsächlich über das Wasser gegangen sind?

Ich weiß es nicht! Aber nicht nur Matthäus sondern auch Markus und Johannes erzählen in ihren Evangelien von diesem Ereignis. Wenn auch die Akzentsetzung unterschiedlich ist, so gehört Jesu Gang auf dem Wasser zu den ältesten Erzählungen über Jesus. Bei alledem meine ich aber, dass es in dieser Erzählung nicht nur um diese Frage geht, ob erst Jesus über das Wasser wie ein Gespenst daherkommt und ob er dann auch Petrus über das Wasser gehen lässt.

Ich lade Sie ein, die wesentlichen Elemente dieser Erzählung: das Boot, die Nacht, den Seesturm, die hohen Wellen, das Wasser und den Gang über das Wasser nicht im physikalischen Sinn zu verstehen, sondern im übertragenen Sinn. Dann nämlich kann diese Erzählung erkannt werden als Bild für das Leben und seine vielen schwierigen Situationen, die es zu bewältigen gilt. Und: dann kann die Erzählung jeden und jede von uns ansprechen. Denn schließlich kennen wir alle in unserem Leben stürmische Zeiten, die die Angst in uns hochkommen lassen unterzugehen; und jede und jeder hat auch schon erlebt, dass diese Angst unterzugehen gerade nachts, wo wir eigentlich schlafen wollen, unheimliche Ausmaße annehmen kann.

Das können die tosenden Fluten von Naturkatastrophen sein. Es können die gigantischen Wogen von Krieg und Gewalt sein, die die Menschen in Syrien, im Irak und in Afrika in den Tod zu reißen drohen. Es kann aber auch eine Erkrankung sein, die uns in die Verzweiflung treiben lässt. Arbeitslosigkeit oder Einsamkeit, die mich überschwemmt und in den Fluten der Mutlosigkeit mitreißt. Der Verlust des Partners, der Tod des Kindes, das Sterben von Vater und Mutter können mein Lebensboot zum Kentern bringen. Und ja, es können auch neue, ungeahnte Aufgaben und Herausforderungen sein, die Unsicherheit hervorrufen angesichts der großen Wellen, die nun zu bezwingen sind: Schaffe ich all das Neue, schaffe ich das so, dass all die anderen Dinge meines Lebens dabei nicht unter´s Wasser gedrückt werden: die Zeit für Freunde, Hobbies, Sport, für Muße und Gelassenheit, aber auch der Blick für das Neue, das Fremde, für die Not um mich herum?

Gerade jetzt zu Beginn des neuen Jahres kann es sein, dass Sie und ich vor einer völlig neuen Situation stehen und nicht wissen, wie damit umzugehen ist. Dunkle Stunden, dunkle Tage, dunkle Wochen, Monate und Jahre können sich breit machen.

Und genau in solchen Lebenssituationen kann es hilfreich sein, sich an diese Erzählung zu erinnern, in der Jesus mitten im Sturm und mitten in der dunklen Nacht über das Wasser zu Petrus kommt und ihn – ebenfalls mitten im Sturm und mitten in der dunklen Nacht – über das Wasser gehen lässt.

Denn mitten in den Stürmen des Lebens geht uns oft das Vertrauen verloren und die Angst schnürt uns den Atem und den Lebensmut ab. Ja, mehr noch: Angst macht mich so eng, dass ich Hilfe schwer erkenne und Helfer als angsteinflößende Gespenster erleben kann. Nichts und niemand scheint uns helfen zu können, uns aus dieser Situation befreien zu können. Kein Wunder, dass sich bei uns deshalb Angst breit macht – pure Angst, die wir am liebsten genauso herausschreien würden wie es die Jünger in unserer Erzählung getan haben.

Diese – manchmal alles überflutende – Angst muss jedoch nicht das letzte Wort haben – so die Botschaft unserer Erzählung. Denn eine Hilfe gibt es doch noch! Eines kann die drohende Katastrophe doch noch abwenden, eines kann doch noch Mut geben, eines kann doch noch zu Lösungen der unlösbaren Situation führen: das Vertrauen auf Gott. Gottvertrauen – das sagt sich so leicht. Doch was ist das, das Vertrauen auf Gott? Wie kann ich Gottvertrauen gewinnen?

Schauen wir wieder auf unsere Erzählung. Sie gibt uns die Antwort in dem Hinweis, dass Jesus sich zurückzieht, um in Einsamkeit und Stille zu beten. Das wird erzählt, obwohl es für die eigentliche Handlung gar nicht wichtig scheint. Man hätte doch gleich den Sturm und Jesu Gang auf dem Wasser erzählen können. Doch dieser Hinweis, dass Jesus sich zum Gebet zurückzieht, führt uns vor Augen und ins Bewusstsein: Selbst Jesus, der Gottessohn, braucht die Stille, die Entschleunigung, die Muße, das Ausruhen, um sein Leben vor Gott zu bringen, um sich bereit zu machen, um sich zu öffnen für Gott und seine Hilfe aus der Bedrohung des Lebens, um sich selbst fähig zu machen, auf Gott und sein lebenshelfendes Wort zu hören. 

Gott ruft uns nämlich gerade in solchen menschlichen Notsituationen zu: „Hab keine Angst! Es ist kein Gespenst, das auf Dich zukommt, sondern Ich bin es! Ich bin Dir nahe! Ich stehe dir bei!“ Mitten in der dunklen Nacht, bei stürmischer See und verloren gegangenen Hoffnungen ist also Gott  da – unvermutet – wie ein Gespenst und er bietet uns seinen Beistand an.

Allerdings hilft uns Gott nicht ohne unser Zutun. Wir müssen schon auch unseren Beitrag dazu leisten: Wir müssen diesem helfenden Zuruf Gottes antworten! Wie Petrus in unserer Erzählung, so dürfen und sollen auch wir,  jeder und jede von uns rufen: „Herr, mein Gott, wenn du mir so nahe bist, sag Du mir, was ich tun soll!“

Und der Herr, unser Gott, wird uns, wird Ihnen und mir, antworten.
Wie? – Auf jeden Fall anders als wir es gewohnt sind, anders als unsere Partnerin, anders als unser Freund, als unsere Familie, als unsere Gemeinschaft. Einfach anders, als wir es uns vorstellen. Und dadurch klingt Gottes helfender Zuruf und sein Lösungsangebot erst einmal fremd, ungewöhnlich, ja vielleicht sogar unmöglich.

Auf einmal haben Sie eine neue Idee oder Ihnen begegnet ein Mensch mit einem ungewöhnlichen Rat oder Sie wissen auf einmal ganz sicher, was zu tun ist. Sie „hören“ Jesus. Und was er Ihnen sagt, hört sich immer „unmöglich“ an.  

Sie selbst können sich nicht sagen, welche „unmögliche“ Tat die tosenden Fluten der Naturkatastrophe eindämmen kann, durch wen oder was  die gigantischen Wogen von Krieg und Gewalt befriedet werden können. Sie selbst können sich nicht sagen, zu welcher „Unmöglichkeit“ Jesus Sie in ihrer Angst vor dem Fremden oder auch in Ihrer Krankheit herausfordert, welchen eigentlich „unmöglichen“ Schritt Sie aus der Einsamkeit heraus tun sollen. Und Sie selbst können sich auch nicht sagen, auf welche „unmögliche“ Weise Sie die neue Berufsausrichtung oder ihr neues Engagement mit all seinen Herausforderungen so schaffen, dass Sie nicht nur arbeiten, sondern auch ihr Leben gestalten, dass Sie nicht nur dem Effizienzdruck der optimalen Erledigung der anstehenden Aufgaben erliegen, sondern auch die Kunst der Muße pflegen, kurzum: Sie selbst können sich nicht sagen, was in der völlig neuen Situation „Unmögliches“ zu tun ist. Ohne Gott und ohne Gottvertrauen fällt Ihnen immer nur das „Mögliche“ ein, das Sie eben gerade nicht aus der Bedrohung der Angst, der Sorgen und der Not führt.

In Not und Bedrängnis kann Ihnen nur Gott sagen, was Sie „Unmögliches“ tun können – vorausgesetzt, Sie sind offen für dieses Wort Gottes! Dann werden Sie tun, was Gott Ihnen gesagt hat: Sie tun, was eigentlich unmöglich ist –  „Sie gehen über das Wasser“.

Doch Achtung: Auch wenn Sie hören und tun, was Gott Ihnen sagt, sind die Schwierigkeiten nicht einfach gleich verschwunden. Sie bleiben, aber Sie finden Mittel und Wege, mit ihnen so umzugehen, dass Sie die Schwierigkeiten in den Griff bekommen und nicht umgekehrt die Schwierigkeiten Sie in den Griff nehmen oder gar im Griff halten.

In diesen Momenten, Stunden, Tagen und Jahren, in denen Sie das „Unmögliche“ tun, in denen Sie auf Gottes Zusage und im Vertrauen auf ihn hin „übers Wasser gehen“, ist es ganz entscheidend, dass Sie dabei Ihren Blick und Ihre Gedanken stets auch – und sogar zuerst – auf Gott gerichtet lassen, dass Sie Gott nicht aus den Augen verlieren, dass Sie Ihren Blick nicht zuerst auf die Wellen und den Wind, also nicht zuerst auf die sich auftuenden Gefahren, Risiken und Schwierigkeiten konzentrieren, sondern zuerst auf Gott. Beachten Sie nicht zuerst die Schwierigkeiten, sondern nehmen Sie diese immer nur zusammen mit dem Blick auf Gott in Augenschein!

Und ein Zweites: Achten Sie auch nicht auf die anderen. Die sitzen abgekämpft im Boot, schlagen die Hände vor die Augen und schütteln den Kopf über Sie. Sie tun so, als wären sie die Vernünftigen und Klugen. In Wirklichkeit sind sie mit ihrem Kleinglauben im Boot mehr gefährdet, als Sie mit Ihrem Vertrauen zu Gott auf dem Wasser. Sehen Sie auf Gott, vertrauen Sie ihm und gehen Sie Schritt für Schritt weiter! Sie werden nicht untergehen!

Schließlich noch ein Drittes: Auch wenn Sie zwischendrin doch Gott aus dem Blick verlieren, wenn Ihnen Wind und Wellen doch so sehr zusetzen, dass Sie tatsächlich Gott aus dem Blick verlieren, dann ist dennoch nicht schon einfach alles vorbei. Denn das ist auch in unserer Erzählung passiert. Petrus, den Jesus auf sein Gottvertrauen hin über das Wasser gehen lässt, sieht mitten im Gehen weg von Jesus und konzentriert sich ganz auf die Wellen und den Wind. Er beginnt – wie sollte es anders sein – zu versinken, zu versinken im Meer der Angst, der Sorgen und der Not. Die Angst gewinnt doch wieder die Oberhand über das Vertrauen! Wir haben mehr Respekt vor Wind und Wellen als vor der schützenden Macht Gottes.

Das kommt immer wieder vor; das gehört zum Leben und zum Glauben dazu – es ist aber – Gott Lob – nicht das Ende. Es ist nicht das Ende – unter einer Bedingung: dass wir wieder von Neuem beginnen, das Vertrauen zu wagen und einüben, zu vertrauen. Denn Petrus sieht wieder zu Jesus, schreit um Hilfe und Jesus packt ihn bei der Hand und rettet ihn. Gemeinsam gehen sie dann über das Wasser der Angst, der Sorgen und der Not zurück zum Boot und der Sturm legt sich.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 06.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Sabine Demel

Sabine Demel, geboren 1962, ist promovierte und habilitierte Theologin und seit 1997 Professorin für Kirchenrecht an der Universität Regensburg. Sie ist Mitbegründerin des Vereins AGENDA-Forum katholischer Theologinnen und des Vereins DONUM VITAE zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens in Bayern e. V. sowie Vizepräsidentin der „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Theologie und Recht, Beteiligungsstrukturen in der Kirche  und die Ökumene. Sie tritt für eine lebensnahe Auslegung der kirchlichen Gesetze ein und will aufzeigen, wie Recht in der Kirche zu Frieden und Freiheit beitragen kann.

Kontakt
sabine.demel@ur.de

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