Morgenandacht, 31.12.2018

von Joachim Opahle aus Berlin

Zeit – Spur zum Göttlichen

Ein Jahr geht zu Ende. 365 Tage liegen hinter uns. Es waren mehr als 8700 Stunden. Was haben wir gemacht mit dieser Zeit? War sie uns kostbar? Oder wurde sie uns lang? Für mich geht der letzte Tag des Jahres mit Nachdenklichkeit einher. Mit einem Blick auf die Räume, in denen ich gelebt habe: Wo war ich überall? Und mit einem Blick auf die verlebte Zeit: Was war wichtig im zurückliegenden Jahr? Was wird in meiner persönlichen Erinnerung bleiben; ein freudiges Ereignis? Ein Schicksalsschlag? Und was wird gar in die Geschichtsbücher eingehen? Da waren die runden Jubiläen: 100 Jahre ist es her, dass der Erste Weltkrieg ein Ende fand. 200 Jahre sind immerhin schon vergangen seit der Geburt von Karl Marx, und 400 Jahre seit Ausbruch des 30jährigen Krieges.

Die Zeit vergeht, das ist sicher. Aber wie sie vergeht, das unterliegt unserer persönlichen Empfindung. Mal zu schnell, mal zu langsam. Die Zeit, die scheinbar objektiv Unbestechliche, die unerbittlich läuft so wie ein Uhrwerk monoton tickt, diese Zeit erweist sich je nach persönlicher Situation doch auch als eine sehr subjektive Sache. Warum interessieren wir uns überhaupt für die Zeit? Wahrscheinlich deswegen, weil wir als Menschen wissen, dass unsere Zeit endlich ist; dass wir eines Tages sterben müssen. Deswegen wird die Zeit kostbar, vor allem in Glücksmomenten. Dann wird uns klar, dass wir Zeit eigentlich nicht besitzen, wir können sie nicht ansparen wie Geld. Und auch wenn wir es hundertmal gehört haben, es stimmt nicht: Zeit ist nicht Geld; Zeit und Zeitempfinden gehören vielmehr zu den wenigen Dingen, die wir nicht herstellen können;  die sich jeder kommerziellen Vermarktung entziehen. Genauso wie die Liebe.

Dafür aber eignet sich Zeit als Geschenk, das wir anderen geben können. Zeit zum Zuhören, Zeit zum Reden, Zeit für Erlebnisse oder auch Zeit zum gemeinsamen Nichtstun.

Religionswissenschaftler und Philosophen machen uns darauf aufmerksam, dass unser Empfinden für Zeit eine Spur zum Göttlichen legt. Dann nämlich, wenn wir spüren, dass ein Augenblick besonders kostbar ist; dass es erfüllte Momente gibt, in denen wir unsere normale Alltagserfahrung hinter uns lassen, Momente innigster Glückserfahrung. Zum Beispiel wenn wir merken, dass jemand uns ganz vertraut; oder wenn wir selbst ein Versprechen über unser ganzes künftiges Leben ablegen. Wenn wir mit heiligem Ernst vor uns selbst oder vor anderen erklären, wem wir unsere Liebe oder unser Engagement schenken. Dann wünschen wir uns, dass dieser bedeutende Moment andauert, dass er niemals zu Ende gehen soll. Dann wünschen wir uns Ewigkeit. Es ist wie ein Schnuppern in eine andere Welt, ein Türspalt ins Jenseitige, ins Ewige, tut sich auf.

Ich kann das alles nicht wissenschaftlich belegen. Es sind vor allem Mutmaßungen. Aber keine Hirngespinste, sondern plausible Überzeugungen, die sich konkreten Erfahrungen und Erwartungen verdanken. Und den Zusagen meiner christlichen Religion, in der die Erfahrungen der Menschen mit Gott über Jahrtausende überliefert sind. Die Zeit ernst zu nehmen, sie gewissermaßen zu heiligen, ist eine Fähigkeit, die den Menschen gegenüber anderen Geschöpfen auszeichnet.

Der Kalender ist nur eine willkürliche Festlegung – einerseits. Aber dennoch nehmen wir das Ende des Jahres und den Moment des Übergangs als etwas Besonderes wahr: Wir blicken zurück und blicken nach vorn und lenken unsere Gedanken darauf, was war und was kommen wird. In der Bibel wird diese Erfahrung im 16. Psalm so ausgedrückt:

„Du, Herr, du hältst mein Los in deinen Händen. Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.“ (Psalm 16, 5-6.11)

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 31.12.2018 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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