Wort zum Tage, 01.12.2018

Wolfgang Drießen aus Saarbrücken

Mensch-Sein

„Ach, ich bin kein Mensch mehr“, stöhnt sie. Sie hängt die Jacke an die Garderobe und stellt die Schuhe darunter. „Was bist du dann?“ fragt er zurück. „Was weiß ich, Packesel, Einkaufsroboter, Putzlappen. Alles, aber kein Mensch.“

Solche Stoßseufzer aus dem Alltag werden schnell überhört, bergen aber tiefe Wahrheiten. Klar, dass zum Mensch-Sein viel mehr gehört als nur das Funktionieren in der Rolle, die man gerade hat. Klar ist aber auch, dass es gar nicht so einfach ist, das auch für sich in Anspruch zu nehmen. Mensch-Sein, das hat ganz viel mit dem Advent zu tun, der vor uns liegt. Sich etwas Gutes tun, Zeit haben, mit anderen den Weihnachtsmarkt besuchen und Glühwein trinken, am warmen Ofen sitzen. Ja, das ist ein Teil davon. Aber es gibt noch mehr und das geht tiefer.

Der Schriftsteller Heinrich Böll hat das einmal so formuliert:  „Es gibt für mich den Menschgewordenen. Und weil der den Menschen, jeden Menschen ernst nimmt in all seinen Dimensionen, muss ich das Gleiche tun.“ (Christ in der Gegenwart, Nr. 51 2017)

Man muss sich das klar machen: Böll hat ein Deutschland erlebt, in dem Millionen Menschen das Mensch-Sein einfach abgesprochen wurde. Juden, Zigeuner, Behinderte, das waren keine Menschen und deshalb wurden sie beseitigt. Das hat Böll zu einem radikalen Humanisten gemacht.

„Es gibt für mich den Menschgewordenen.“ Dieses Bekenntnis Heinrich Bölls kann man groß über die gesamte Adventszeit schreiben, die jetzt vor uns liegt. Es beschreibt genau, was Advent ist: nämlich die vollständige Zulassung der Menschlichkeit. Die Christen haben den Advent ja gerade deshalb erfunden, weil so ein unerhörtes Ereignis, dass Gott an Weihnachten Mensch wird, nicht ohne eine besondere Vorbereitungszeit auskommen kann.  Und wenn Gott Mensch werden will, dann sollte uns das auch möglich sein. Dazu gehört, dass ich in den Verkäuferinnen und Schalterbeamten, den Untergebenen und Vorgesetzten, den Schülern und Lehrern, nicht nur Rollen und Funktionen sehe. Advent ist es, wenn ich die Menschen sehe, die mir begegnen. Die Psychologen sagen, dass mit dem Urteil über andere auch das Dunkel in der eigenen Person mitverurteilt wird. Dadurch wird dieses eigene Dunkel nur noch verstärkt. Wenn ich mal versuche, in den anderen vorurteilsfrei nur den Menschen zu sehen, könnte das also dabei helfen, selbst Mensch sein zu können. Innerer Advent sozusagen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.12.2018 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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