Wort zum Tage, 29.11.2018

Wolfgang Drießen aus Saarbrücken

Friedhofsgarten

Wenn Sie einmal einen „philosophischen Friedhofsgarten“ besuchen möchten, müssen Sie in den äußersten westlichen Teil von Rheinland-Pfalz fahren. Kurz bevor die Saar in die Mosel fließt, liegt das Dorf Kanzem. Hier wächst ein guter Wein. Hier hat man aber auch vor einigen Jahren einen nicht genutzten Teil des Friedhofes zu einem Landschaftsgarten umgestaltet, und ihn den „Philosophischen Friedhofsgarten“ genannt.

Wer will, kann hier spazieren gehen. Gedanken über Leben und Tod, über Werden und Vergehen stellen sich fast automatisch ein. Durch die ganze Anlage windet sich ein künstlich angelegter Bach, genannt der „Fluss des Lebens“. Die vier verschiedenen Gartenabschnitte, durch die dieser Fluss fließt, sind Symbol für die Lebensabschnitte des Menschen. Im ersten Teil, dem „Garten des Werdens“ fließt das Wasser noch verspielt wie die Kindheit.

Der zweite Teil ist der „Garten des „Seins“. In seinem Zentrum steht ein Glaspavillon. Seine kleinen, bunten Fenster werden nach und nach von interessierten Bürgern gestiftet und erinnern oft an Menschen, die den Stiftern wichtig sind. Dann kommt der dritte Teil, der  „Garten des Abschieds“. Hier stehen Bänke, auf denen man sich ausruhen kann. Fast schnurgerade fließt der Lebensfluss jetzt hinab ins so genannte „Paradies“, dem letzten Teil bis hinunter zum Ufer der Saar. Freie Natur, verwelkte Blätter, kahle Äste. War`s das jetzt? Das fragt man sich als Besucher.

Die Antwort gibt ein kurzes Gedicht von Hilde Domin:
„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“

Nur neun kurze Wörter, doch ganz viel Bedeutung.
Die Dichterin sieht die welken Blätter, schreibt aber von etwas anderem.
„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“

Hilde Domin schreibt vom Leben, von den Knospen, die man erst beim zweiten Hinsehen wahrnimmt.

Für Christen haben diese Bilder viel mit dem Leben zu tun. Denn das ist der Glaube: dass es mit dem Tod nicht vorbei ist, dass unsere Verstorbenen für immer bei Gott sind.

 „Tröstet einander mit dieser Hoffnung“, sagt der Apostel Paulus deshalb. Novembergedanken, denen man kaum einmal Raum und Zeit lässt. Im Friedhofsgarten in Kanzem an der Saar kann man ihnen im wahrsten Sinne des Wortes in aller Ruhe nachgehen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.11.2018 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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