Wort zum Tage, 28.11.2018

Wolfgang Drießen aus Saarbrücken

Schöne Beerdigungen

Sprecher
„Ester ging auf der Lichtung hin und her. Sie dachte nach und dann hatte sie eine Idee: „Die ganze Welt ist voll von Toten“, sagte sie. „In jedem Gebüsch liegt ein Vogel, ein Schmetterling, eine Maus. Jemand muss nett sein und sich um sie kümmern. Jemand muss sich opfern und sie beerdigen. „Wer?“ sagte ich. „Wir!“ sagte sie.

Autor
Haben Sie schon einmal eine tote Hummel oder eine Spitzmaus beerdigt? Einen alten Hamster oder eine Amsel, die gegen die Fensterscheibe geflogen ist? Ester und ihre Freunde kennen sich da aus. Denn sie sammeln tote Tiere und richten ihnen eine schöne Beerdigung aus. Und lernen über den Umgang mit dem Tod nebenbei ganz viel vom Leben.

Gefunden habe ich den Text und die Bilder dazu in einem Kinderbuch. Das Bilderbuch: „Die besten Beerdigungen der Welt“ erzählt auf eine herrlich unverkrampfte Weise, wie Kinder sich mit dem Thema „Tod“ beschäftigen. Aus Langeweile beschließen die drei Freunde, tote Tiere zu sammeln und sie stilvoll zu beerdigen. Die Aufgaben werden verteilt: einer bekommt die Schaufel, um das Grab auszuheben. Einer schreibt Gedichte und liest sie bei der Beerdigung vor, und Esters kleiner Bruder Putte ist fürs Weinen zuständig. Und weil er noch so klein ist, müssen die anderen ihm erklären, warum die Spitzmaus einfach nur rum liegt und sich nicht mehr rührt. Und das klingt dann so:

Sprecher
„Wir erklärten, dass alles, was lebt, sterben muss. Alle, alle, und du und du auch. Das ist blöd und traurig und alle weinten.“

Autor
Aber weil sie so eifrig in ihr Spiel als Beerdigungsunternehmen vertieft sind, schwindet langsam, von einer Beerdigung zur nächsten, die Angst vor der seltsamen, unbekannten, unheimlichen Wahrheit „Tod“. Der Hase z.B. wird mit Kopfkissen und einer karierten Decke begraben und bekommt ein Gedicht:

Sprecher
Leg dich ruhig zur Ruhe nieder.
Du weißt, schon bald seh’n wir uns wieder.

Autor
Nach einem langen anstrengenden Arbeitstag schläft der kleine Putte bei der letzten Beerdigung ein. Am nächsten Tag spielten sie dann etwas ganz anderes.

Und ich klappe den Buchdeckel zu und denke mir: manchmal können gute Kinderbücher auch Erwachsenen helfen, die Tatsache des Todes so ins Leben hinein zu holen, dass die Nächte wieder heller und die Tage wieder bunter werden.


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Dieser Beitrag wurde am 28.11.2018 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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