Morgenandacht, 24.11.2018

von Felicitas Kirchgässner aus Berlin

Der mitleidende Gott

Immer wieder frage ich mich, was wohl mit Gott passierte, wie er sich veränderte in dem Moment, als er seinen Sohn in die Welt schickte, als er sozusagen „die Seite wechselte“. Als Christin kenne ich das Glaubensbekenntnis, wonach Jesus Christus wahrhaft Gott ist und in ihm Gott und Mensch ungetrennt. Für unsere – menschliche - Realität ist das eine schwierige Vorstellung. In den Griechischen Mythologien würde man hier auf ein Fabelwesen stoßen. In der Heilsgeschichte aber wurde Jesus ein Mensch, aus Fleisch und Blut. Sein Leben und Tod ist nicht einfach eine tragische Geschichte,  die schauderndes Mitleid hervorruft, sondern reiht sich ein in die unüberschaubare Zahl jener, die unschuldig und gewaltvoll ums Leben kommen.

Das Ende des Lebens Jesu ist eine Tragödie, ein Ernstfall, ein „Zusammenstoß“ von Gottes Plan und dem Mensch aus Fleisch und Blut. Es steht, wie in vielen Tragödien, der grausame Tod eines Unschuldigen im Zentrum. Aber: wenn dieser Mensch, der am Kreuz stirbt, wahrhaft Gottes Sohn ist, bedeutet das: Er ist nicht von dieser Welt. Er hat sich nicht dieser Welt und ihren tragischen Kämpfen um Macht, Reichtum, Schönheit, verschrieben. Sohn Gottes, das bedeutet, die Herrschaftsstrukturen dieser Welt zu hinterfragen und so ein Risiko für ihre Mächtigen zu werden.

Sohn Gottes, das bedeutet, sich mit denen zu identifizieren, die in dieser Welt ohne Macht sind. Ohnmächtig. Sohn Gottes, das bedeutet, die machtvolle Ordnung dieser Welt auf den Kopf zu stellen und dafür sterben zu müssen. Jesu Tod am Kreuz bedeutet, dass einer sich mit dem anonymen Leid unzähliger Menschen identifiziert. In der Identifizierung mit ihrem Schicksal macht der Menschensohn die Opfer dieser Welt sichtbar und widersetzt sich so ihrer machtvollen Verstummung. So wird der scheinbar sinnlose Tod am Kreuz zu einer befreienden und erlösenden Kraft, weil er einen Protest in sich trägt, der sich dem auslöschendem Vergessen der Opfer widersetzt. In dem das Leiden so sichtbar wird, leistet Jesus gewaltlosen Widerstand gegen die tödliche Ordnung dieser Welt. Dargestellt im Kreuz, eröffnen sich aus dem Protest Wege von Befreiung und Erlösung.

Die Ausweglosigkeit schuldlosen Leidens wird aufgebrochen, die Machenschaften der Mächtigen werden entblößt, Protest wird sichtbar und hörbar, neue Lebensmöglichkeiten werden eröffnet, Auferstehung geschieht.

Die „Durchkreuzung“ der Tragödie drängt zu einem anderen, einem neuen Gottesbild. Sie erzählt von einem Gott, der die Seiten wechselt, der sich mit den Leidenden identifiziert, und zwar so sehr, dass er mit in den Tod geht. Es zeigt sich ein Gott, der seine ganzheitliche Liebe zusagt, der auf die Menschen stoßen will, mit ihnen Mensch sein will.

Von Jesus als Sohn Gottes zu sprechen, setzt den Glauben an einen menschenfreundlichen Gott voraus, einen zutiefst mit-leidenden. Dass Gott und Mensch so zusammengekommen sind, löst das Tragische nicht einfach auf. Aber ich meine: die Erinnerung daran, dass Gott Einer von uns geworden ist, gibt uns für alle Zeit eine verändernde Kraft, eine verändernde Hoffnung, ja, sogar Befreiung. Dieser Glaube setzt auf die Beziehung zu Gott diesseits der Menschheit, da er die tödliche Logik des Tragischen in unserem Leben umwandeln will in eine Heilsgeschichte.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 24.11.2018 gesendet.


Über die Autorin Felicitas Kirchgässner

Felicitas Kirchgässner, Jahrgang 1956, absolvierte zunächst ein Schauspielstudium in Berlin. Engagements folgten in Heilbronn, sowie den Städtischen Bühnen in Frankfurt/M., Stuttgart und dem Residenztheater in München. Kirchgässner macht bis heute Funk- und Textarbeiten, Lesungen und Coaching. Zudem arbeitet sie als Logopädin und Padovan-Therapeutin in ihrer eigenen Praxis. Außerdem interessiert sie sich für den interreligiösen Dialog, der ihr im Zusammenkommen der Menschen im "House of One" in Berlin Hoffnung auf die Zukunft der Gläubigen macht. Kontakt
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