Morgenandacht, 23.11.2018

von Felicitas Kirchgässner aus Berlin

Zuversicht

Als mir in meiner Kindheit der Katholische Katechismus beigebracht wurde, wurde ich mit einer Vielzahl von Geschichten vertraut gemacht, die ich teilweise als schauerlich, faszinierend, verwunderlich und auch großartig empfand, je nach dem, welche es waren. Später als Jugendliche begann ich, mich von den Vernichtungsandrohungen und –phantasien im Alten Testament der Bibel zu fürchten, vor den Rache- und Vergeltungsversprechen darin. Ich begann, zu zweifeln. Es gab eine Zeit, da wollte ich keine Texte mehr hören, aus keinem der Bücher.

Eines Tages aber entdeckte ich eine Version des Kreuzestodes Jesu, die im Matthäusevangelium aufgezeichnet ist. Mir war, als würde ein Vorhang weggezogen, und mir für einen kurzen Moment die Wahrheit enthüllt. Hatte ich nicht im Religionsunterricht bei Lukas 23,46 gelesen: „Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er“..?? Das war die Lesart, die unsere Katechetin uns hat lernen lassen. Dass es auch noch eine andere Version gab, ahnte ich damals nicht. Erst die Entdeckung, dieses „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? “ hat mein Interesse für die Bibel geweckt. Die Beschreibung von Jesu Verlassenheit am Kreuz, die in einen Schrei mündete, hat mich erschüttert.

Auf einmal waren es nicht mehr nur jene uns mit Vorliebe angedienten Geschichten von Wundern und Demut, übermenschlicher Güte und Leidensfähigkeit, von heroischem Lebenswandel, Verklärung und Himmelfahrt. Hier las ich etwas anderes, hier las ich vom realen Menschen. Ich las bei genauerer Lektüre das Wort Gottes als Menschenwerk, so dass der Glaube in meine Reichweite rückte.

 „Glaubt jenen, die die Wahrheit suchen, zweifelt an denen, die sie finden“, hat Andre Gide einmal gesagt. Wir sind als moderne Menschen durch Aufklärung und Moderne gegangen, so dass wir kein sicheres Wissen über die letzten Dinge annehmen können, uns also keiner „letzten Wahrheit“ sicher sein können. Das kann sich keine der Religionen.

In der Religion, meine ich, geht es in erster Linie um das Geheimnis der Existenz, um das ungelöste, uns lockende und verstörende Geheimnis der Existenz. Darin ist sie der Kunst und der Poesie verwandt. Dass wir in diesen Dingen immer mehr Fragen als Antworten haben, spricht nicht gegen die Legitimität der Fragen. Für mich ist Religiosität eine Grenzerfahrung, eine Erschütterung, oft genug eine Erschütterung, die mir die Sprache verschlägt, weil es an das rührt, was sich meinem Begreifen entzieht.

Es kann passieren, dass man in der Bibel ein Stück Poesie findet, die einem den Atem nimmt. Im Korintherbrief heißt es: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, sie bläht sich nicht auf, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit...“ (1.Korinther, 13)

In den Grundtexten aller Religionen lassen sich solche Passagen finden, wie auch die vom Hohen Lied der Liebe. Hier spricht ein anderer Geist als der der rechthaberisch, gewaltandrohend, unduldsam auf Gewissheit pocht.

Es geht in der Religion um Ehrfurcht vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, es geht um die Wunder der Liebe, um Nachsicht mit der Unvollkommenheit des Menschen, um die Schönheit der Welt und die Unbegreiflichkeit von Hass und Zerstörung, um die Dummheit der Wissenden und die Weisheit der Zweifelnden.

Religion, wie ich sie verstehe,  ist das, was als Möglichkeit in den Blick kommt, wenn wir durch das Abenteuer der Vernunft gegangen sind und an ihre Grenzen gelangt sind.

Glaube ist das, was ein Menschenherz auszufüllen vermag.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 23.11.2018 gesendet.


Über die Autorin Felicitas Kirchgässner

Felicitas Kirchgässner, Jahrgang 1956, absolvierte zunächst ein Schauspielstudium in Berlin. Engagements folgten in Heilbronn, sowie den Städtischen Bühnen in Frankfurt/M., Stuttgart und dem Residenztheater in München. Kirchgässner macht bis heute Funk- und Textarbeiten, Lesungen und Coaching. Zudem arbeitet sie als Logopädin und Padovan-Therapeutin in ihrer eigenen Praxis. Außerdem interessiert sie sich für den interreligiösen Dialog, der ihr im Zusammenkommen der Menschen im "House of One" in Berlin Hoffnung auf die Zukunft der Gläubigen macht. Kontakt
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