Morgenandacht, 22.11.2018

von Felicitas Kirchgässner aus Berlin

Gottessuche...Menschensuche

Wie kann man Gott immer und überall suchen? Kann Gottes Gegenwart zu allen Zeiten und an allen Orten gespürt werden? Wie kann man diesen Gott suchen, der angeblich anwesend aber doch verborgen ist, da man ihn sonst nicht suchen müsste? Kann die menschliche Sehnsucht nach Gott so groß werden, dass sie zu einer dauerhaften Suche nach Gott führt?

Wenn in den Belangen des Alltags, im Zweifel oder in Dunkelheiten die Sehnsucht abhanden kommt, woher kann dann ein Auftrieb kommen, Gott zu suchen? Die Suche nach Gott kann so leer scheinen. In solchen Momenten würde es genügen, in sich „die Sehnsucht nach dieser Sehnsucht nach Gott“ zu wecken.

Vielleicht ist es ja andersherum und Gott selbst ist immer auf der Suche nach dem Menschen? Mir kommt die Geschichte aus dem ersten Buch der Bibel, dem Buch Genesis, in den Sinn, da fragt Gott den Adam: „Wo bist du?“ In dieser Schriftstelle sucht Gott Adam und Eva in einem Moment, in dem die Beziehung zwischen Gott und Mensch in Gefahr zu geraten droht: Adam und Eva hatten gerade ihre Nacktheit entdeckt und sind durch diese Erkenntnis in der Beziehung zu Gott völlig verunsichert und irritiert. Wie kann es sein, dass Gott es scheinbar notwendig hat, nach dem Menschen zu suchen. Hat Gott sein Geschöpf aus dem Blick verloren? Weiß Gott nicht, wo es sich befindet? Gottes Ruf an Adam und Eva, so beschreibt es Martin Buber, geht an jeden Menschen und meint damit: „Wo bist du in deiner Welt? So viele Jahre und Tage von den dir zugemessenen sind vergangen, wie weit bist du derweil in deiner Welt gekommen? Und das menschliche Herz wird flattern wenn es in der Frage erkennt, dass da ein Gott um den Menschen weiß, den er sucht.“

Könnte es also sein, dass die Frage: „Wo bist du, Adam?“ zu einer Neubesinnung bei  Adam und Eva führt, einer neuen Wahrnehmung ihrer Umgebung? Um sagen zu können, wo sie sich gerade befinden, müssen die Menschen ihr Umfeld betrachten: „WO bist du jetzt, in diesem Augenblick, auf deinem Weg? Wie weit bist du gegangen, wohin bist du gegangen? Bist du auf dem Weg geblieben? Hast du das Ziel im Blick gehabt und wo verweilst du gerade, jetzt in diesem Moment?“

Es ist eine Frage, die den Menschen zur Selbsterkenntnis anleitet und schließlich dazu, nach Gott zu fragen und zu suchen.

Wer also sucht wen? Gott wird in der Bibel an mehreren Stellen als Suchender dargestellt. Er sucht das Verlorene, so z.B. im Bild des Guten Hirten. Er sucht das eine, das verloren gegangene Schaf auf seinen Abwegen, und überlässt dabei in dieser Zeit die ganze restliche Herde sich selbst, weil ihm das verlorene Schaf so wichtig ist. In seiner Suche nach dem Menschen gerät Gott in Zweifel, so wird es bei Jesaja (65,1) beschrieben: „Ich war zu erreichen für die, die nicht fragen, ich war zu finden, für die, die nicht suchen. Ich sagte zu meinem Volk, Hier bin ich, hier bin ich!“.

Das klingt schmerzerfüllt und sehnsuchtsvoll, denn es klingt nach verschmähter Liebe! Es sind die Freuden und die Leiden einer Beziehung, in der man einander nachgeht aus Liebe und Sehnsucht, um dann wieder aus Müdigkeit oder auch Enttäuschung Zweifel zu bekommen. Dieses Auf und Ab findet auf beiden Seiten statt.

Gott sagt: “Sucht mein Angesicht!“  Der Mensch antwortet im Psalm 27: „Dein Angesicht will ich suchen!“

Alle menschliche Suche nach Gott ist immer schon durch die Suche Gottes nach dem Menschen auf Grund gebaut. Wenn die menschliche Kraft nicht ausreicht, immerfort Sehnsucht zu entwickeln, dann kann man vertrauensvoll davon ausgehen, dass Gottes Sehnsucht nach dem Menschen immer schon zuerst da ist. Die Einladung, immer und überall Gott zu suchen ist nichts anderes als ein Hinweis darauf, dass Gott immer und überall auf mich wartet. Und: dass sich mein ganzes Leben von Anbeginn an in einer Beziehung abspielt, die es zu entdecken gilt.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 22.11.2018 gesendet.


Über die Autorin Felicitas Kirchgässner

Felicitas Kirchgässner, Jahrgang 1956, absolvierte zunächst ein Schauspielstudium in Berlin. Engagements folgten in Heilbronn, sowie den Städtischen Bühnen in Frankfurt/M., Stuttgart und dem Residenztheater in München. Kirchgässner macht bis heute Funk- und Textarbeiten, Lesungen und Coaching. Zudem arbeitet sie als Logopädin und Padovan-Therapeutin in ihrer eigenen Praxis. Außerdem interessiert sie sich für den interreligiösen Dialog, der ihr im Zusammenkommen der Menschen im "House of One" in Berlin Hoffnung auf die Zukunft der Gläubigen macht. Kontakt
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