Morgenandacht, 21.11.2018

von Felicitas Kirchgässner aus Berlin

Neue Aufmerksamkeit für Jesus

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg sagte vor einiger Zeit in einem Gespräch über Glauben und Kirche, es sei eine Illusion zu meinen, dass der „geworfene“ Mensch dazu verdammt sei, sich selbst zu entwerfen. Er würde von etwas ganz anderem abhängen, von einer Liebe, die sich der Mensch allein nicht geben könne. Adolf Muschg ist wieder in die Kirche eingetreten, das war der Anlass für die Äußerungen, die weitergingen. Inzwischen beginne ihm, Jesus wieder etwas zu bedeuten, denn er ist einer, der die Verzweiflung besiegt hat.“, so sagt es Muschg. Mit den Jahren sei ihm ein anderer Blick aufgegangen für Jesus Christus, eine neue Aufmerksamkeit für die Zeichen, die er gesetzt hat. So traf ihn ein Satz aus dem Evangelium besonders, nämlich der, dass Jesus seine Freunde Martha, ihre Schwester und Lazarus lieb hatte. Für Muschg ist das eine Liebe, die Umwege geht. Auch wenn sie strapaziert wird und in ihrem Namen immer wieder gesündigt, wenn sie missbraucht wird für Gewalt, für Volk und Vaterland, so bleibt diese Liebe doch die Seele des Evangeliums.

Für Muschg liegt darin die Hoffnung, dass Gott  kein Gott der Toten sondern ein Gott der Lebendigen ist. Der Gute Hirte, so können wir annehmen, ist nicht nur eins mit dem Vater, sondern ebenso mit seinen Schafen.

Adolf Muschg meinte, dass der Kern des Evangeliums nicht bloß eine frohe Botschaft, sondern durchaus auch eine „schauderhafte“ sei. Denn sie weicht dem Tod, dem Kreuz, dem Versagen, der Sünde und Schuld nicht aus. Genau das mache sie so menschlich. Wenn man diesen Gedanken der menschlichen Botschaft, der Kreuzigung und dem schauderhaften Tod weiter denkt, dann könnte man sagen: mit dem Wort „ Ecce homo“, „seht was der Mensch ist“, sind wir alle gemeint: Wir sind der am Kreuz und der der dabei steht, der der nicht hilft und der, der verurteilt oder auch nur seine Hände in Unschuld wäscht. Wir sind die, die den Essigschwamm reichten und ihn dreimal verleugneten.

Was ist aber mit der Liebe? Stirbt sie, wenn Jesus am Kreuz verendet, wie jeder gequälte und gefolterte Mensch auf dieser Welt? Nein, die Geschichte geht weiter. Ganz flüchtig ist auch die vergänglichste Liebe nie. Denn: nicht wir machen Liebe, sie macht uns, ohne sie wären wir nicht auf der Welt. Die Liebe ist da, selbst wenn wir fortfahren werden zu hassen, zu lügen, zu kreuzigen, zu morden.

Müssen wir an unseren Krisen nicht eigentlich verzweifeln?

Papst Franziskus hat das in einem Interview in der „ZEIT“ einmal so formuliert:

Sprecher
„Ohne Krisen kann man nicht wachsen. Das gilt für alle Menschen. Das biologische Wachsen selbst ist eine Krise. Die Krise des Kindes, das zum Erwachsenen wird. Im Glauben ist es nicht anders. Als Jesus hört, wie sicher sich Petrus ist, sagt er: Dreimal wirst du mich verleugnen. Aber ich werde für dich beten... Ich will nicht sagen, dass die Krise das tägliche Brot des Glaubens ist, doch ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.“

Der Glaube wie auch die Liebe ist also nicht einfach eine Leistung, sondern etwas Geschenktes oftmals wider alle Berechnung und Wahrscheinlichkeit.

Um noch einmal auf den Schriftsteller Muschg zu kommen: Er gab ein Bekenntnis ab über Jesus, der ihm wieder etwas bedeutet: Vielleicht brauche er nicht einmal an den Menschensohn zu glauben, sondern vielleicht reiche es schon, wenn wir nicht aufhören, zu lieben - um des Menschen willen. Neben dem schwachen Glauben und der schwachen Hoffnung sei es die schwache Liebe, was das Stärkste sei.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 21.11.2018 gesendet.


Über die Autorin Felicitas Kirchgässner

Felicitas Kirchgässner, Jahrgang 1956, absolvierte zunächst ein Schauspielstudium in Berlin. Engagements folgten in Heilbronn, sowie den Städtischen Bühnen in Frankfurt/M., Stuttgart und dem Residenztheater in München. Kirchgässner macht bis heute Funk- und Textarbeiten, Lesungen und Coaching. Zudem arbeitet sie als Logopädin und Padovan-Therapeutin in ihrer eigenen Praxis. Außerdem interessiert sie sich für den interreligiösen Dialog, der ihr im Zusammenkommen der Menschen im "House of One" in Berlin Hoffnung auf die Zukunft der Gläubigen macht. Kontakt
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