Morgenandacht, 20.11.2018

von Felicitas Kirchgässner aus Berlin

Sehnsucht

Ich glaube, in jedem Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach unbedingter, erfüllter Liebe. Wenn wir verliebt sind, scheint es so, als sei diese Sehnsucht gestillt. Verliebte leben in einer ganz anderen Welt, sie leben im siebten Himmel, nicht hier auf Erden. Sie tanzen den Tanz des Lebens und sind sich selbst genug. Himmelhochjauchzend, niemals betrübt. Niemals betrübt, bis der Rausch zu Ende ist. Und was dann? Manch einer versucht es mit einem neuen Rausch, sprich: einer neuen Beziehung, andere arrangieren sich und verlieren jegliche Leidenschaft. Spätestens dann wird einem bewusst: kein Mensch kann wirklich „mein Ein und Alles sein“. Wir können mit einem Menschen Augenblicke der Liebe erleben, wir können in einer dauerhaften Beziehung erfahren, wie wir gehalten werden auch in schwierigen Phasen unseres Lebens, aber wir können den rauschhaften Zustand des Verliebt-Seins und der ekstatischen Vereinigung nicht für die Ewigkeit konservieren. Die Sehnsucht bleibt – auch in gelungenen Beziehungen.

Wenn wir diese Erfüllung im Alltag einmal geschmeckt haben, wenn sie aufgeblitzt ist in unserem Leben, als tiefe Erfahrung von Glück – solche Sternstunden sind Momente, in der wir die Zeit anhalten möchten. Doch weil wir wissen, dass das nicht geht, stellt sich oft ein Hauch von Melancholie ein. Immer wieder müssen wir schmerzlich erfahren, dass unsere Sehnsucht nicht endgültig gestillt wird. Menschliche Sehnsucht verlangt nach unendlich mehr, sie ist unstillbar. Unsere Sehnsucht ist stets größer als ihre Erfüllung.

In einem bekannten Gebet formuliert Augustinus, der große Gottsucher der Spätantike:

Sprecher
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, oh Gott. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann ihn niemals ganz erfüllen. Im Grunde seines Herzens sucht er ruhelos den ganz Anderen; und alle Wege, zu denen der Mensch aufbricht, zeigen ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott.“

Augustinus hat auch einmal den Satz geprägt: „Homo desiderium dei“, was man zweifach übersetzen kann: „Sehnsucht nach Gott und: „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes“. Eine faszinierende Vorstellung: Gott sehnt sich nach dem Menschen, und der Menschen Sehnsucht ist Gott.

Die Bibel lässt an manchen Stellen etwas von dieser Sehnsucht Gottes nach dem Menschen spüren. Wie etwa die des Vaters, der sehnsüchtig Ausschau hält nach dem verlorenen Sohn, dessen Sehnsucht nach dem prallen Leben ihn in die Ferne getrieben hat.

Man könnte sagen, dass unsere Sehnsucht eine Art Echo der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen ist. Deshalb ist die Sehnsucht eine starke Kraft. Sie macht uns mutig und lebendig, macht erfinderisch und phantasievoll. Die Sehnsucht will über Grenzen gehen. Sie ist der Motor für das, was wir sein wollen.

In einer kleinen Geschichte kommt dies gut zum Ausdruck:

Sprecher
„Ein junger Jude kommt zu seinem Rabbi und sagt: „Ich möchte gerne dein Jünger werden.“ Da antwortet der Rabbi: „Gut, das kannst du, aber ich habe eine Bedingung. Du musst mir eine Frage beantworten: Liebst du Gott? Da wurde der Schüler traurig und nachdenklich. Dann sagte er.“ Eigentlich lieben – das kann ich nicht behaupten...Der Rabbi sagte freundlich: „Gut, wenn du Gott nicht liebst, hast du Sehnsucht danach, ihn zu lieben?“ Der Schüler überlegte eine Weile und sagte dann: „Manchmal spüre ich die Sehnsucht danach, ihn zu lieben recht deutlich, aber meistens habe ich so viel zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht.“ Da zögerte der Rabbi und sagte dann: „Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben nicht so deutlich spürst, hast du dann Sehnsucht danach, die Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“  Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf und er sagte: „Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben. Der Rabbi entgegnete:“ Das genügt. Du bist auf dem Weg!“

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 20.11.2018 gesendet.


Über die Autorin Felicitas Kirchgässner

Felicitas Kirchgässner, Jahrgang 1956, absolvierte zunächst ein Schauspielstudium in Berlin. Engagements folgten in Heilbronn, sowie den Städtischen Bühnen in Frankfurt/M., Stuttgart und dem Residenztheater in München. Kirchgässner macht bis heute Funk- und Textarbeiten, Lesungen und Coaching. Zudem arbeitet sie als Logopädin und Padovan-Therapeutin in ihrer eigenen Praxis. Außerdem interessiert sie sich für den interreligiösen Dialog, der ihr im Zusammenkommen der Menschen im "House of One" in Berlin Hoffnung auf die Zukunft der Gläubigen macht. Kontakt
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