Morgenandacht, 08.11.2018

von Prof. Dr. Daniel Bogner aus Münster

Männerturnen III

So ab Dienstagmittag fange ich an, mich aufs kommende Wochenende zu freuen. Das hat aber nichts mit meiner Arbeit zu tun. Die macht mir eigentlich viel Spaß. Streng genommen freue ich mich auch erstmal auf den Freitagabend. Da spiele ich nämlich seit ein paar Jahren immer Fußball. Wir sind eine Truppe von vielleicht 15 Leuten, zwischen 35 und 75 Jahren, seltsamerweise wird unsere Gruppe beim örtlichen Sportverein unter dem Namen „Männerturnen III“ geführt, obwohl wir ja Ballsport machen. Wir spielen fair, weil die allermeisten am Montag zur Arbeit müssen und Familie haben. Verletzungen kommen zwar gelegentlich vor, aber in der Regel ohne Fremdeinwirkung. Und nach zwei Halbzeiten gibt es eine dritte, in der Kabine und um eine Kiste Bier herum...

So weit, so gut, mögen Sie sagen. Machen ja viele. Ja, das stimmt. Gottseidank! Ich habe mir nämlich einmal überlegt, warum wir uns immer so auf diesen Freitag freuen. Da steckt vielleicht ein bisschen mehr hinter, als man erstmal meint. Und das hat viel mit damit zu tun, wie wir unser Leben sonst so führen.

Ich finde, das Wichtigste steckt im Namen: Fußball-„Spiel“. Miteinander spielen, das ist der Grundmodus dieser Tätigkeit. Worauf kommt es dabei an? Darauf, einen Blick für die Mitspieler zu gewinnen und dabei das eigene Handeln abzustimmen auf das der anderen; es kommt darauf an, spontane Ideen zu entwickeln und die einfach mal auszuprobieren; man muss etwas riskieren – und trotzdem umsichtig sein. Man muss das eine Mal einfach nur für den Mitspieler rennen, damit der eine gute Aktion hat, das andere Mal muss man selbst den Ball nehmen und was Tolles versuchen. Zu spielen bedeutet: sich etwas ausdenken und es im selben Moment auch schon tun. Kreativ sein, ohne Angst vor den Folgen zu haben. Alles geben, und dabei wissen: wenn man scheitert, macht es nichts – es gibt einen neuen Versuch...

Dieser Modus des Spiels ist das Besondere. Ein paar Regeln stehen fest, aber ansonsten ist alles erlaubt – jede Menge freier Raum zum Ausprobieren, Experimentieren, zum Sich-Verlieren...

Genau das ist der große Unterschied zu vielen anderen Bereichen unseres Lebens, in denen es vor allem darauf ankommt, perfekt zu kalkulieren, Risiken zu vermeiden und eben keine Aktionen mit offenem Ausgang zu starten. Alles Handeln hat einen Zweck vor Augen – und wenn es den verfehlt, war es nicht erfolgreich. Das genaue Gegenteil des Spielprinzips: Da macht man etwas einfach nur um seiner selbst willen.

Am Freitagabend merken wir oft: wie das Spiel dann ausgegangen ist, hat man in der Regel gar nicht mitverfolgt, weil es um das Ergebnis viel weniger ging, als um schöne Spielzüge: wenn man sich – zumindest für einen kurzen Moment – blind verstanden hat, und sich als Teil des Ganzen fühlen konnte.

Miteinander nicht zu produzieren, zu arbeiten oder zu wirtschaften, sondern eben zu spielen, das hat eine Wirkung übers Spiel hinaus. Es schafft eine Verbundenheit untereinander, die im anderen nicht nur jemand sieht, der mir zur Erreichung meiner eigenen Ziele behilflich sein kann. Mit anderen Worten: Der Mitspieler ist etwas anderes als der Geschäftspartner oder der Kunde. Ich will das eine gar nicht gegen das andere aufrechnen, aber ich denke, das zweckfreie Handeln, das sich unter anderem im Spielen ausdrückt, kommt im Leben immer weniger vor – und das macht unser Menschsein ärmer.

Spielpartner zu haben, das braucht jeder Mensch. Es schafft einen Raum dafür, einfach nur man selbst zu sein. Wie gut tut der Austausch nach dem Match in der Kabine – auch wenn da der eine oder andere derbere Spaß dabei, vor allem ist es ein Lebensaustausch: Da kann jedes Thema zur Sprache kommen und es gibt immer wieder auch mal ein Seitengespräch zu ernsteren Themen oder Sorgen. Man begegnet sich auf Augenhöhe, weil man eben noch miteinander Spielpartner war. Und im Spiel kann jeder zum Partner werden, ganz gleich, welche Mauern und Differenzen unsere Gesellschaft ansonsten zwischen uns aufgebaut hat.

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 08.11.2018 gesendet.


Über den Autor Daniel Bogner

Prof. Dr. Daniel Bogner wurde 1972 geboren. Er lehrt Moraltheologie an der Universität Fribourg in der Schweiz. Kontakt
daniel.bogner@unifr.ch