Spurensuche, 15.12.2018

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

„Kommt an einen einsamen Ort“

Turbulente Zeiten bieten viel Anlass, sich zu empören: Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche empfiehlt den Rückzug an einen einsamen Ort, um in Stille und Ruhe den Überblick zu behalten.

Die meisten Menschen sind empört: über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Bischöfe, die Zerstörung der Umwelt, die Persönlichkeit von Donald Trump, die Übergriffe von Männern auf Frauen, die Gewalt von Ausländern auf Landesbürger, von Rechtsextremen auf Ausländer. Es wird viel geklagt und angeklagt, aber man kann sich fragen: Ändert sich etwas? Wer ändert etwas? Wer kann etwas ändern?

Ich erlaube mir, Sie einzuladen, sich mit Jesus Christus an einen einsamen Ort zu begeben, um nachzudenken, wie er es immer wieder tat. Die allermeisten von uns können gegen gesellschaftliche Übel und Dummheiten nicht viel oder gar nichts ausrichten: Nichts gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche, nichts gegen Trump, nichts gegen Gewalt gegen Frauen. Oder doch?

Was kann der einzelne ausrichten?

Wie steht es mit dem Umweltschutz? Sicher können wir alle unseren winzigen Beitrag leisten für die Erhaltung der Umwelt. Ich persönlich lehne Plastik, wenn immer möglich, ab. Das sollten möglichst viele tun. Wir sollten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad fahren, das Auto meiden, zu Fuß gehen. In Sachen Politik und Trump: US-Amerikaner fallen offenbar auf ihn herein. Bin ich in ähnlichen Fragen gescheiter, cleverer als US-Bürger? Informiere ich mich über deutsche und internationale Politik hinreichend? Bin ich kritisch in der Wahl der Medien? Sage ich nur nach, was meine Umgebung denkt? Denke ich selbständig? Widerspreche ich oberflächlichen Behauptungen?

Meiner Ansicht nach ist die Demokratie heute in Gefahr, weil Wahlberechtigte sich zu wenig in seriösen Quellen informieren, weil sie das nachsagen, was ihre Umgebung sagt, weil sie Widerspruch fürchten. Gehe ich recht in der Vermutung, dass Not nicht nur beten, sondern auch denken lehrt? Wir haben gottlob wenig Not, daher kommt das selbständige Denken vielleicht manchmal zu kurz. Oft setzen Meinungsumfragen Regierungen unter Druck, eine falsche Entscheidung zu treffen. Das Volk Großbritanniens hat sich für den Brexit entschieden. Kurz danach erkannte eine nachdenkliche Mehrheit, dass diese Entscheidung falsch war. Gut, dass wir in Deutschland eine parlamentarische Demokratie haben. Hier entscheiden die gewählten Parlamentarier, die komplexe Fragen gründlich studieren können.

Der Wähler wählt nur seinen Parlamentarier, der ihn vertritt. Er muss versuchen den Parlamentarier und sein Programm gut zu kennen. Der Wahlberechtigte hat die Pflicht, die Wahlprogramme der Parteien zu studieren. Wer nur Stimmungen nachläuft und gar nicht sachlich richtig informiert ist, schadet der Demokratie und hilft, Scheindemokratien zu fördern.

Es fehlen Orte zum Nachdenken

Darf ich Sie einladen, sich im Geist neben Jesus Christus am See von Genezareth niederzulassen, um nachzudenken? Dem modernen Menschen fehlen Orte zum Nachdenken. Angesagt ist Stille und Ruhe, denn öffentlich gilt vor allem Unterhaltung, Zerstreuung und Spaß als erstrebenswert. Kein Wunder, wenn manches daneben geht! Wenn die Seele des Menschen ständig im Wirbel ist, wird sie töricht.

Daher lade ich Sie mit Jesus an einen einsamen Ort ein! Schalten wir das Handy aus, auch das Radio, setzen wir den Kopfhörer ab. Ertragen wir die Ruhe, werden wir ruhig und reif für die moderne kulturelle und politische Welt.

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann


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Dieser Beitrag wurde am 29.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.

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