Spurensuche, 01.12.2018

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

Christus in den Seelen der Menschen

„Die Seele des Menschen ist voll wilder Tiere“, wenn Christus darin fehlt, meinte Wüstenmönch Makarios vor 1.600 Jahren. Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche fragt sich: Gilt das auch heute?

Der moderne Mediennutzer liebt die Gänsehaut, den Schock, das Dramatische. Da viele Menschen heute wohl so „ticken“, möchte ich Sie ein bisschen schocken mit einem Text aus einer völlig anderen Welt. Er soll Ihnen Gänsehaut einjagen. Autor ist der ägyptische Wüstenmönch Makarios im vierten Jahrhundert.

Makarios vertritt die These: Die Seele des Menschen ist voll wilder Tiere, wenn Christus nicht in ihr wohnt. Er schreibt: „Wehe der Seele, wenn der Herr nicht mehr in ihr lebt und mit seiner Stimme die bösen Tiere nicht mehr verscheucht! Wehe dem Haus, wenn der Herr nicht mehr in ihm wohnt! Wehe der Erde, wenn der Bauer fehlt, der sie bebaut. Wehe dem Schiff ohne Steuermann, denn es wird auf den tobenden Wogen des Meeres dahingetrieben und geht zugrunde. Wehe der Seele, wenn in ihr der wahre Steuermann Christus fehlt. Sie treibt auf dem bitteren Meer der Finsternis dahin, wird von den Wogen der Leidenschaften geschüttelt, vom Gewittersturm der bösen Geister bedrängt und geht schließlich unter. Sie ist öde, voll Dornen und Disteln, und am Ende erwartet sie statt der Ernte verzehrendes Feuer. Wenn der Herr, Christus, nicht mehr in ihr wohnt, ist sie erfüllt vom Modergeruch der Leidenschaften, eine Behausung des Bösen.“1

Voller wilder Tiere

Vielleicht würden wir sagen: Der Makarios spinnt! Geht es nicht sehr vielen sozialtätigen Bürgern gut auch ohne den Glauben? Sind es nicht verrückte Worte aus einer unaufgeklärten Zeit? Geht Makarios von eigenen psychischen Problemen aus?

Wenn ich aber mit aufmerksamem Blick durch München gehe, einerseits die Menschen sehe, andererseits die Filmwerbung mit ihren maßlosen Provokationen, die Wirtschaftswerbung mit ihrem Versprechen von Glück, fürchte ich, dass Makarios doch ein wenig recht hat. Sind nicht „wilde Tiere“ in die Seelen eingekehrt? Ein wildes Tier brüllt: „Kauf dich glücklich!“, ein anderes: „Iss Dich glücklich!“ Gebildete Menschen durchschauen den Unsinn. Aber die Werbung hat Erfolg. Die Profis wissen, wie ihre Botschaft ankommt. Oder? Die meisten Europäer machen zwar einen ordentlichen Eindruck. Aber was sie auf den Werbe- und Filmplakaten, in den Fernsehprogrammen sehen, weist doch ein wenig darauf hin, dass viele Seelen seltsam verwundet und leer sind. Die Werbeprofis zeigen ja das, was die Menschen wünschen. Und das Angebotene zeigt zerstörte Seelen. Seelen werden mit Spaß, mit Kick, mit Aggression angefüllt. Weil viele Seelen gelangweilt sind und keine großen Ziele haben, werden ihr Argumente und Themen geliefert, die die Leere verdrängen. Es muss Spaß machen und prickeln.

In der Entsorgung von Haushaltsmüll sind wir Deutschen Weltmeister. Aber sind wir es auch in der Anlieferung von Seelenmüll? Wir schonen die Umwelt. Aber zerstören wir die Innenwelt? Und die meisten – vor allem jungen Menschen – merken kaum, wie ihre Innenwelt kaputt gemacht wird. Der christliche Glaube sagt: „Christus will in der Seele des Getauften wohnen, und aller Müll sollte draußen bleiben.“ Christus will nicht zwischen seelischen Müllsäcken kampieren.

Für eine selbständige Suche nach Jesus Christus

Woran liegt das Ganze? Und wie können wir gegensteuern? Ich wage die These: Vielfach fehlt es an selbständigem Denken! Die meisten Menschen sind zwar davon überzeugt, dass sie kritisch denken. Ich erlaube mir, daran zu zweifeln. Fragen wir die Werbeprofis. Ich vermute, sie würden uns sagen, dass die allermeisten Menschen sehr manipulierbar sind. Daher laden Weltanschauungen, politische Parteien und Warenverkäufer ihre Vorstellungen in den „Seelen“ der Menschen ab. Der Mensch wird manipuliert.

Der Ausgangspunkt des Wüstenmönches Makarios war die Ruhe, die Einsamkeit, die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach dem Schatz der Seele. Für ihn war er Jesus Christus. Für alle Getauften sollte er Jesus Christus sein.

Wir brauchen heute nicht nur bessere Kirchenstrukturen, mehr Verständnis für die Menschen, weniger Zölibat und mehr Frauenpriestertum. Wir brauchen den Kampf gegen die wilden Tiere in unseren Seelen und die selbständige Suche nach Jesus Christus.

1 Makarios, Fünfzig geistliche Homilien.

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann


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Dieser Beitrag wurde am 01.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.

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