Spurensuche, 17.11.2018

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

Das Kreuz – Symbol Europas

Das Kreuz findet man in Europa überall, hält Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche fest. Es zeige, dass das entscheidende im Zusammenleben Liebe, Zuwendung, Hingabe an den Nächsten sind.

Jedem Asiaten fällt es auf, wenn er nach Europa kommt: das Kreuz. Er sieht es überall: auf Kirchendächern, an Hauswänden, auf Bergspitzen, auf Wappen, auf Fahnen, vielleicht auch an Halskettchen. Wenn er Europa schon ein wenig kennt, hat er das erwartet. Wenn er es nicht kennt, nimmt er es erstaunt wahr. An dem Kreuz hängt die Figur eines fast ganz nackten, gequälten Mannes. Die Christen nennen ihn Jesus Christus.

Nun ist in den letzten Jahren ein Streit darüber ausgebrochen, ob das Kreuz, wie in den vergangenen Jahrhunderten auch, in Gebäuden des Staates hängen darf, also in Schulen, Hochschulen, Gerichten, Rathäusern. Bis vor wenigen Jahrzehnten ging Europa davon aus, dass nahezu alle Einwohner des Kontinents Christen seien, und sie keine Probleme hatten mit dem Kreuz in öffentlichen Gebäuden. Ja, die meisten hätten gesagt: Das Kreuz ist ein Zeichen dafür, dass auch der Staat sich an christlichen Maßstäben orientiert.

Nun entfernen sich immer mehr Europäer von den christlichen Kirchen und vielleicht auch vom christlichen Glauben. Hinzu kommt, dass immer mehr Nicht-Christen europäische Staatsbürger werden. Daher muss der Staat – nach seinen eigenen Prinzipien – heute mehr als früher zeigen, dass er allen Religionen gegenüber neutral ist.

Religionen beeinflussen das Menschenbild einer Gesellschaft

Ich halte es für völlig richtig, dass der Staat alle Bürger – welchen Glaubens auch immer – nach den gleichen Prinzipien behandelt. Nun aber wissen die Fachleute seit langer Zeit, dass das Menschenbild aller Gesellschaften und die Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft religiösen Quellen entspringen. Die Kultur und Lebensordnung ist nicht religionsneutral, sondern von Religion durchdrungen. Die Verfassungen haben ihre Quellen in Religionen. Das gilt etwa in China, Japan, Burma, Indien, Saudi Arabien. Daher ist es problematisch, wenn Europa den Eindruck vermittelt, der Islam zum Beispiel sei für Europa gleich relevant wie das Christentum. Das ist er nämlich nicht.

Nun darf aber der Staat nicht die Pflege des Christentums in die Hand nehmen. Der Staat muss den Religionen gegenüber rechtlich neutral sein. Aber die Zivilgesellschaft tut gut daran, das Christentum zu pflegen und auf seine Bedeutung für das friedliche Zusammenleben immer wieder hinzuweisen. Konkret sind die beruflichen, kulturellen, sportlichen Verbände gefragt. Sie sind im Vergleich zum Staat frei, das Christentum zu pflegen.

Manche werden einwenden: Die Pflege des Christentum sei Sache der Kirche, dafür zahle man sogar Kirchensteuer. Aber erstens besteht „die Kirche“ nicht nur aus Amtsträgern und den Pfarreien. Und zweitens sind diese heute überfordert, die Gesellschaft im Sinne des Christentums zu prägen. Wenn getaufte Christen und sonstige Freunde des Christentums die Schätze dieses Glaubens erhalten und fördern wollen, müssen sie dieses Anliegen selbst in die Hand nehmen.

In die Nachfolge Christi gerufen

Zurück zum Kreuz, das in Europa von Lissabon bis Sankt Petersburg, von Athen bis Dublin häufig zu sehen ist. Das Kreuz ruft denen, die es sehen und eine Sekunde nachdenken, in Erinnerung: Das Entscheidende im Zusammenleben ist nicht nur Gerechtigkeit und Frieden, sondern vor allem Liebe, Zuwendung, Hingabe an den Nächsten, Hingabe – wenn es sein muss – bis zum Tod. Diese Botschaft wurde in Europa zwar nie wirklich gelebt. Aber diese traurige Tatsache macht die Botschaft nicht falsch. Auch das Versagen der Repräsentanten des Christentums macht die Botschaft nicht falsch. Die Skandale des Klerus beweisen nicht, dass die Lehre Christi und sein Tod aus Liebe falsch sind. Christen sind zu keiner Zeit gerufen worden in die Nachfolge der Amtsträger, sondern in die Nachfolge Jesu Christi.

Und vor allem: Der geistige Verwirrer flüstert den Menschen ein: Religion ist Privatsache. Und das ist falsch. Denn wo Menschen versuchen, ihre Religion zu leben, ändert sich die Welt.

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann


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Dieser Beitrag wurde am 17.11.2018 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.

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