Wort zum Tage, 16.11.2018

Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Tage zählen

In diesen Novembertagen stehen auf meinem Wandkalender immer wieder Sprüche, die etwas damit zu tun haben, wie vergänglich das Leben ist. Ein Spruch hat mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt: „Meine Tage zu zählen, lehre mich, Herr“, stand da. Ein Satz aus der Bibel. Zuerst habe ich gedacht: Warum soll Gott mich lehren, dass ich meine Tage zähle. Warum sollte das wichtig sein? Und dann ist mir aufgefallen, dass ich das ja fast jeden Tag selbst mache. Seit ich langsam auf die 60 zugehe, überlege ich mir ständig, was das für mich bedeutet. Was wird da kommen in der Ü60 Zeit, wenn man sich erst einmal bis zur Rente durchkämpfen muss und dann die 70 vor der Tür steht.

Ja, ich zähle ganz automatisch meine Tage und Jahre. Und ich spüre ab und zu so eine leichte Panik, wenn mir klar wird, dass der längste Teil meines Lebens hinter mir liegt. Die Tage zu zählen ist hier wohl keine mathematische Herausforderung. Wichtig wird vielmehr die Frage: was mache ich mit der verbleibenden Zeit und wie gestalte ich diese Jahre. Es ist wie mit meiner Lieblingsschokolade. Wenn ich eine neue Packung habe, genieße ich sie ohne großes Nachdenken. Bis etwa zur Hälfte. Dann wird mir klar, so langsam neigt sich der Vorrat dem Ende zu. Dann wird jedes Stückchen plötzlich kostbarer. Deshalb esse ich die letzten Stücke bewusster, kaue länger, genieße den Geschmack so lange wie möglich.

So müsste ich das auch mit meiner Lebenszeit machen. Ja älter ich werde, desto kostbarer wird jeder Tag. Deshalb beschließe ich für mich Folgendes: Ich will diese Zeit nicht mehr verschwenden mit unnützen Diskussionen und Sitzungen, bei denen nichts rauskommt, weil sie nur eine Plattform für aufgeblasene Egos sind. Ich möchte Menschen erleben, die über ihre Fehler lachen können und sich auf ihre Erfolge nicht zu viel einbilden. Ich möchte soziale Anliegen unterstützen, damit unsere Gesellschaft menschlich bleibt und nicht nur diejenigen bestimmen, die nur auf die Bilanzen achten. Ich möchte mich nicht zumüllen lassen von Werbung und ihren ach so günstigen Angeboten. Ich möchte nicht jedem Schnäppchen atemlos hinterherrennen. Ich möchte mich nicht mehr anstecken lassen vom hektischen Gerenne in den vorweihnachtlichen Einkaufspassagen.

Ich möchte Ruhe haben, damit meine Seele genießen kann. Wahrscheinlich könnte ich noch stundenlang aufzählen, was ich in den nächsten Jahren nicht mehr erleben mag. Und was ich ganz bewusst erleben und leben will. Da muss man wirklich sehr genau zählen und wählen. Am besten wartet man damit auch nicht, bis man alt ist. Das kann man als junger Mensch auch schon tun. Und ein wenig Hilfe kann da auch nicht schaden. Also: Lehre du mich, Herr, meine Tage zu zählen.


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Dieser Beitrag wurde am 16.11.2018 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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