Wort zum Tage, 13.11.2018

Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Kinderspiel

„Ich sehe was, was du nicht siehst...“ Auf einer Ü50 Geburtstagsparty wollten wir kürzlich dieses Kinderspiel miteinander spielen. Leicht angeheitert ist das irgendjemandem plötzlich eingefallen. „Ich sehe was, was du nicht siehst, das hat die Farbe Blau.“ O.k. bis hierher hat es funktioniert. Nun hätten die anderen suchen müssen, wo sie etwas Blaues entdecken. Aber dann ruft einer dazwischen: „Nein, das ist rot!“ Alle sind irritiert und protestieren: „Halt, das Spiel geht doch anders!“ Jetzt beginnt eine längere Diskussion über die Spielregeln, einige meinen, man müsse sich ja nicht sklavisch an Vorgaben halten. Die Diskussion wird schließlich völlig chaotisch und das Spiel selbst hatten alle in kürzester Zeit vergessen.

„Ich sehe was, was du nicht siehst…“ ist wohl nicht nur ein Kinderspiel. Es ist manchmal auch ein ziemlich konfliktgeladenes Spiel der Erwachsenen. Eigentlich muss man bei dem Spiel ja versuchen, die Dinge mit den Augen eines anderen zu sehen. Im Spiel lässt sich jemand darauf ein, mit den Augen des andern zu sehen. Versucht das zu entdecken, was der andere sieht und im Blick hat. Den Blickwinkel des andern ausprobieren, das nennt man neudeutsch: Perspektivenwechsel. Für Erwachsene ist das wahrlich kein einfaches Spiel. Meine Perspektive zu verändern, bedeutet nämlich, dass ich mich bewege. Erst dann kann ich ein Stück weit mit den Augen des andern sehen. Und dazu muss ich meinen Standpunkt - versuchsweise wenigstens - aufgeben. Das ist wohl das Problem, aber nicht zu umgehen. Mich ärgern solche Diskussionen, in denen es nur darum geht, die eigene Überzeugung zu verteidigen oder ein Bild aufrecht zu erhalten, das in Frage gestellt wird. Da greift ein Politiker die Perspektivlosigkeit auf, in der sich immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft wiederfinden, beschreibt, wie sich immer deutlicher Schichten bilden und dass manche auch von einer Unterschicht reden. Ein anderer hält sofort dagegen:

Nein! Unsere Gesellschaft basiert unaufgebbar auf Offenheit und Durchlässigkeit und niemand wird abqualifiziert oder deklassiert. So ein typischer Schlagabtausch - öffentlich vorgeführt - bei dem es dann einen Gewinner gibt, der sich überzeugter inszeniert hat, und einen Verlierer, dem dies nicht gelungen ist. Mir ist es aber wichtig, dass sich etwas konkret bewegt, dass Situationen und Probleme verändert werden können. Und das geht eben nur, wenn ich den Blickwinkel des Andern nachvollziehe, weil der Andere etwas sieht, was ich nicht im Blick habe. „Ich sehe was, was du nicht siehst...“ – das ist wahrlich oft kein Kinderspiel!


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Dieser Beitrag wurde am 13.11.2018 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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