Wort zum Tage, 03.11.2018

Andrea Wilke aus Erfurt

Gottesglaube

Als Kinder waren meine Schwestern und ich oft auf dem Friedhof. Nicht, weil es für uns dort so spannend war. Sondern weil es dort einige Gräber mit Verstorbenen unserer Familie gab. Die Bepflanzung der Gräber beschränkte sich keineswegs nur auf Efeu. Es gab entsprechend der Jahreszeit immer auch blühende Pflanzen, die entsprechend gegossen werden mussten. Im Herbst, wenn die zahlreichen Bäume ihre Blätter fallen ließen, war ständiges Laubharken angesagt.

Einmal, es war im Sommer, kamen die Nachbarskinder mit. Sie waren noch nie auf diesem Friedhof gewesen. Deshalb kannten sie auch nicht die überlebensgroße Jesusstatue, die in der Nähe der Friedhofsmauer stand. Wer das sein soll, wollten sie wissen. Mit Jesus wussten sie nicht viel anzufangen, also erzählte ich ihnen mit kindlicher Unbefangenheit von Gott. Und dass der alles kann. Wirklich alles. Na, das wollten die Anderen nun genau wissen. Sie stellten eine Gießkanne mitten auf den Weg und forderten mich auf, Gott zu sagen, er möge diese bitte beiseite nehmen. Das wäre dann der Beweis, dass ich ihnen kein Märchen erzählt habe und dass es Gott tatsächlich gibt.

Es wäre wirklich sehr hilfreich gewesen, wenn Gott die Gießkanne umgesetzt hätte. Dann hätten mir die Nachbarskinder geglaubt. Aber ich hatte Gott nicht darum gebeten. Denn irgendwie wusste ich, dass Gott so etwas nicht macht. Obwohl das wirklich sehr geholfen hätte.

Den Glauben an Gott habe ich dadurch nicht verloren. Im Laufe meines Lebens gab – und gibt es immer noch – Situationen, von denen ich glaube, dass da wohl Gott seine Hand im Spiel hatte. Zum Beispiel als ich in einer scheinbar ausweglosen Situation völlig verzweifelt  war. Plötzlich kam von unerwarteter Seite Hilfe, die ich nie für möglich gehalten hätte. Oder wenn ich  daran denke, dass 1989 die friedliche Revolution wirklich ohne Blutvergießen vonstattenging.

Doch es gibt auch  es die Situationen, in denen ich Gott anschreien möchte: Tu doch was! Warum ist dieses oder jenes Schlimme geschehen? Warum hast du nicht eingegriffen?

Es gibt so viele Warums. Diese Warums, die meinen Glauben an Gott anfragen. Einen Gott, von dem es heißt, dass er die Liebe ist.

"Warum nur ist die Welt so, wenn du doch dein Leben hingegeben hast? Ist das etwa eine Illusion, ein Alibi, um uns zu vertrösten?" Das fragt der Papst. Und er fügt hinzu: "Ein Christ, der das noch nie gespürt hat, dessen Glaube noch nie in eine Krise geraten ist, dem fehlt etwas."

Er hat Recht, denn Krisen zwingen zum Handeln. Auch Glaubens-Krisen. Ohne sie käme es zum Stillstand. Und Stillstand bedeutet in der Regel das Ende.


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Dieser Beitrag wurde am 03.11.2018 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
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