Morgenandacht, 03.12.2018

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl aus Regensburg

Sprechender Adventskalender

Seit Samstag gibt es für viele Kinder und auch so manche Erwachsene wieder einen spannenden Moment an jedem Morgen: das nächste Türchen am Adventskalender zu öffnen. Man sieht da die unterschiedlichsten Modelle: den einfachen Kalender mit einem Bild dahinter, den süßen mit einem Stück Schokolade, den literarischen mit einem schönen Sinnspruch oder den gesunden mit einem Päckchen Tee für jeden Tag.

In diesem Jahr habe ich eine neue Idee kennengelernt. Die Eltern der 10jährigen Theresa, die ich getauft habe, haben mich gefragt, ob ich bei einem sprechenden Adventskalender mitmachen könnte. Hinter jedem Türchen verbirgt sich da ein kleiner Chip, der eine Sprachdatei trägt. So kann man jeden Tag ein gutes Wort an den Empfänger richten, ein schönes Gedicht rezitieren oder sogar eine kleine Geschichte erzählen.

Zunächst denke ich mir: Ein Adventskalender mit Mikrochip – wo hält denn die Technik eigentlich nicht Einzug? Doch dann überlege ich: Eigentlich gar keine schlechte Idee, wenn wir in drei Wochen als Festgeheimnis hören werden: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt!“ (Joh 1,14) Und diesem göttlichen Wort könnte der Adventkalender von Theresa sozusagen die Wohnung bereiten, indem sie sich jeden Tag auf gute Worte von vertrauten Menschen freuen kann: Das kann motivieren, das macht gespannt auf das, was kommt und wird von daher hoffentlich für sie zum Segen. Nur: Welches Wort suche ich mir aus?

Ganz oft erzählt das Neue Testament von nur einem einzigen Wort, das eine Situation löst, oder von einem ganz kurzen Satz, der weitergehen lässt. Der Hauptmann von Kafarnaum bittet Jesus zum Beispiel darum: „Sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.“ (Lk 7,7) Und Jesus schenkt ihm dieses eine Wort – mit Erfolg. Und dann sind da die enttäuschten Jünger Jesu, die nach einer ganzen Nacht Fischfang mit leeren Netzen heimkommen. Jesus ermutigt sie zu einem neuen Versuch und dann sagt Petrus: „Auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen.“ (Lk 5,5) Und sie werden entgegen jeder beruflichen Erfahrung reich beschenkt. Nicht zuletzt rettet dieses eine Wort Jesu auch aus Angst und Gefahr, als er beispielsweise dem Sturm auf dem See Einhalt gebietet, wie es im Markusevangelium heißt: „Da drohte er dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still!“ (Mk 4,39)

Aber all das kommt mir zu schwer vor für den Adventskalender. Ich versuche mich in die Welt eines zehnjährigen Kindes hineinzuversetzen und überlege: Was kann es bedeuten, dass für dich so ein Wort „Fleisch“ annimmt, also, dass du Gott und sein Wirken in der Welt spüren kannst? Ich entscheide mich für den Traum des alttestamentlichen Jakob von der Himmelsleiter. Diesen Traum hat kürzlich eine Kunstinstallation in einer Kirche in Regensburg aufgegriffen und damit besonders die Kinder angesprochen. Über 130 Bibeln übereinandergestapelt bilden eine Leiter – gefühlt bis in den Himmel.

Das Wort Gottes als eine begehbare Verbindung zwischen Himmel und Erde – das hat selbst die kleinen Gottesdienstbesucher schwer beeindruckt! Davon erzähle ich der kleinen Theresa durch den sprechenden Adventskalender – und von der Geschichte des Jakob. Das schönste Wort davon ist die unerschütterliche Zusage Gottes, „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst!“ (Gen 28,15).

Ich wünsche mir, dass Theresa durch den Adventskalender erfährt, dass dieses Wort, ja diese Zusage Gottes auch für sie gilt: „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst!“ (Gen 28,15).

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 03.12.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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