Am Sonntagmorgen, 30.12.2018

von Pfarrer Christian Olding aus Geldern

Glauben, wie geht das eigentlich?

Wie geht eigentlich Glauben? Von älteren Menschen höre ich immer wieder den prägnanten Satz: Not lehrt beten. Ja, er stimmt. Er ist wahr und er ist genau so schmerzhaft, wie er sich anhört. Aber  vielleicht einfach mal der Reihe nach.

Wir Menschen investieren viel Mühe und Phantasie in unser Leben, um etwas aufzubauen, etwas zu schaffen. Wir Menschen sind zugleich aber äußerst zerbrechliche Wesen. Es braucht nicht viel, um uns aus der Bahn zu werfen. Es reicht ein Besuch beim Arzt, eine erschreckende Diagnose, um uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ein Beziehungsende reicht, um am Sinn unserer Existenz zu zweifeln. Es schmerzt unglaublich, wenn Projekte, die mit viel Elan angepackt wurden, plötzlich scheitern.

Schmerz, Leid, zerstörte Hoffnungen und Narben, die das Leben hinterlässt, sind wohl der einzige Besitz des Menschen, der keinen Neid auf sich zieht. Niemand sucht nach Leiden und Krankheit, aber auszulöschen sind sie nicht. Es ist unmöglich, sich das Leiden ganz und gar vom Leib zu halten. Außer, man hört auf zu leben, geht keine Beziehungen mehr ein und versucht sich selbst zur einsamen Insel zu machen. Leiden und Tod konfrontieren den Menschen radikal mit seiner Begrenztheit und Sinnlosigkeit. Die bitteren Erfahrungen von Niederlagen und Verlusten brechen uns auf und zeigen uns eine oft übersehene Wahrheit des Lebens: Dass unsere Kraft begrenzt ist und wir auf grenzenlose Kraft angewiesen bleiben.

Die erste Lehrstunde in dieser Hinsicht erhielt ich im Alter von 13 Jahren. Ein wenig früh, aber auch das sucht man sich nicht aus. Als ich an diesem Tag von der Schule kam, wartete zu Hause ein befremdliches Szenario auf mich. In unserer Küche erwarteten mich gefühlte Massen an schwarz gekleideten Menschen, die mich einfach nur ansahen. Das Bild war verstörend genug, um nicht zu begreifen, was hier vor sich ging. Erst als meine Mutter mit Tränen in den Augen mir sagte „Papa ist tot“, wusste ich, was los war. Na ja, eigentlich wusste ich noch immer nicht, was los war. Den Satz meiner Mutter hörte ich zwar, verstand ihn aber nicht. Was sollte das heißen: Papa ist tot? Abwarten. Er war ja ohnehin um diese Zeit noch arbeiten. Es würde sich schon zeigen.

Da die Sache mit der Trauer eher ein Erwachsenending zu sein schien, wurde ich auf mein Zimmer verfrachtet. Da saß ich nun.

Papa ist tot.

Hm. Nun gut. Jetzt musste erst einmal gelernt werden, denn Morgen standen die Lateinvokabeln auf dem Plan. Also ran an die Arbeit.

Erst gegen Abend erfuhr ich, dass mein Vater sich das Leben genommen hatte und meines damit für immer veränderte.

Die Situation machte uns allesamt im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und jeder versuchte einen Weg zu finden.

Ich fand gleich zwei. Der erste war reine Kompensation. Es war der Versuch, der Situation Herr zu werden, ohne sich wirklich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Aber er gab das Gefühl von Kontrolle zurück. Mein Vater hatte sich seinen Weg vom Bauernsohn zum Banker hart erarbeitet. Er war ein Fan von Leistung. So versuchte ich ihm wenigstens im Nachhinein noch zu zeigen, was in mir steckte. In der Schule ging es also auf zu neuen Höchstleistungen. Der zweite Weg verlief an ganz anderer Front. Als Kind vom Land hatte ich die Grundlagen katholischer Sozialisation gelernt. Eine hieß: Kerzen anzünden, wenn man Sorgen und Nöte hat. In der Kirche zündete ich vor dem Marienbild eine Kerze an und wartete darauf, dass etwas passierte: dass die Last leichter würde, der Schmerz weniger und die Verwirrung geordneter. Nichts davon geschah. Auch ein hinzugefügtes Gebet veränderte die Situation nicht. Enttäuschend.

So drehte ich mich um, ließ Maria hinter mir und schlenderte durch die Kirche - wo ich ja schon mal da war. Tja, und dann stand ich plötzlich vor diesem Kreuz. Zig Male schon gesehen, zig Male schon betrachtet, aber nie wirklich verstanden, worum es ging. An diesem Tag war es anders. Ich sah plötzlich jemanden, der so dreckig aussah, wie ich mich innerlich fühlte. Ich sah jemanden, der wie ich von seinem Vater im Stich gelassen worden war. Ich sah jemanden der mindestens so erbärmlich an diesem Leben litt, wie meiner einer. Da blieb ich.

Auch in diesem Moment purzelten keine Steine vom Herzen, kehrte keine unbändige Lebensfreude zurück oder wurde alles gut. Aber es wurde anders. Ich war nicht mehr einsam. Da war jemand, der mich verstand, ohne dass ich mich erklären musste. Er hielt es mit mir aus. Das ließ mein Inneres zur Ruhe kommen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren, wurde der Platz unterm Kreuz mein Ort der Trauerbewältigung, des Schmerzes, der Hoffnung.

Der Verlust meines Vaters, das Erleben der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und Perfektion, das waren Wunden, die nicht wirklich heilen wollten. Mir wurde klar, es gibt kein Zurück zu einem Zustand davor, zu einer Wiederherstellung alter Zeiten. Sondern es kann nur darum gehen, diese Wunden zu einem Teil von mir zu machen. Es war wie der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief sagte: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ Alles was ich zu verbergen versuche und geheim zu halten, fängt irgendwann an zu stinken und zu faulen. Denn es geht nicht mehr um mein Leben, sondern um eines, was sich nach eingebildeten Ansprüchen und Anforderungen richtet. Das veränderte zwangsläufig mein Ego. Und das mochte ich gar nicht. Das polierte Selbstbild eines leistungsfähigen und einsatzbereiten Musterknaben zerbrach immer mehr. Die Kraft reichte einfach nicht mehr. Wenn Leiden nicht aufhört, hat das etwas zutiefst Demütigendes, weil wir uns machtlos und ohnmächtig fühlen. Falsches Vertrauen auf eigenes Können wird aufgelöst. In der Tiefe des Leidens verstehen sich Menschen als aufgegeben und von allem verlassen. Was dem Leben Sinn gab ist leer und nichtig geworden: es hat sich als Irrtum herausgestellt, als eine Illusion, die enttäuscht worden ist.

Dass man als glaubender Mensch weniger leidet, diese Vorstellung entspringt einem überzüchteten Ego. Wer nach dem Motto lebt: ‚Gott wird doch wohl für mich mal eine Ausnahme machen‘, der degradiert Gott zu einem Bedürfnisbefriediger des eigenen Egos. Wenn ich mich ständig mit der Frage quäle, warum verursacht Gott dieses oder jenes, dann fixiere ich mich nur auf das, was Gott mir gibt, bringt, verspricht - oder eben auch nicht. Dann allerdings geht es mir letztlich nicht um Gott selbst. Im Letzten habe ich nur Interesse an dem, was Gott zu geben hat.

Diese Vorstellung muss auf Dauer enttäuschen. Das ist schon zwischenmenschlich kein feiner Zug. Erst wenn ich aufhöre einem Menschen Bedingungen zu stellen, für den Fall, dass ich mich auf ihn einlasse, erst dann liebe ich ihn wirklich. Das gilt für jede Form der Beziehung.

Im Laufe der Zeit hatte ich beim Anblick des Kreuzes verstanden: Gott ist nicht meine Versicherung gegen Leiden und Sterben. Aber: Er ist dem Leidenden nahe! Dieser Gott, der sich selbst das Elend nicht vom Leib gehalten hat, steht in all den widerwärtigen und sprachlosmachenden Momenten an meiner Seite. Damit ich immer wieder die Kraft finde, doch noch den nächsten Schritt zu wagen und nicht vollkommen irre an diesem Leben zu werden.

Man kann nun mal nicht immer alles wegkurieren, bloß weil es wehtut. Manche Krisen tun gut und seien sie noch so schwer. Sie tun gut, weil sie unseren Blick klären und unsere Prioritäten ordnen. Krisen geben uns mehr als deutlich zu verstehen, worauf es wirklich ankommt in diesem Leben, wofür es sich zu leben lohnt. Das allerdings lässt sich immer erst am Ende formulieren, nie am Anfang und mitten in der Krise. Da ist Vieles, oft sogar Alles einfach nur sinnlos. Aber Kierkegaard hat eben recht, wenn er sagt, dass das Leben nur vorwärts gelebt werden kann, verstanden allerdings wird es im Rückblick.

Diese Erfahrung von Leid in meinem Leben hat mich dazu motiviert, Priester zu werden. Nicht weil ich Leiden ach so toll finde. Nein. Sondern, weil ich in diesem Glauben an Jesus und seinen Vater erfahren habe, dass es tragfähige und alltagstaugliche Hoffnung gibt. Eine Hoffnung, die am Ende immer wieder stärker war als alles, was das Leben zugemutet hat. Eine Hoffnung, von der ich glaube, dass sie diese Welt bitter nötig hat. Glauben bedeutet für mich Ja-Sagen zu diesem Leben, so wie es ist und nicht wie es sein sollte. Ja-Sagen, weil es dieses Leben wert ist und weil es eine Zukunft gibt, die Gott mir verspricht. Eine Zukunft, in der das Leid einmal vollkommen überwunden sein wird.

Dafür lohnt es sich einzutreten. Dafür braucht es Menschen, die ihre Narben anbieten, die ihre verheilten und manchmal wieder aufbrechenden Wunden zeigen. Gäbe es niemanden mehr, der sagt, es gibt Hoffnung, dann wäre alles Leiden noch sinnloser, noch bitterer und alle Traurigkeit würde zwangsläufig in einen bodenlosen Abgrund führen. Unsere Hoffnungen können wachsen oder sterben im Leiden. Das Bitterste ist, wenn wir überwuchert werden von zerstörten Hoffnungen. Es ist christlich, dass einer des Anderen Last trage. Das ist der simple Ruf, der aus dem Leiden dringt. Damit das aber passieren kann und ich als Helfer ernst genommen werde, muss ich meine Narben anbieten. Narben erzählen eine Geschichte, eine Geschichte voller Schmerz. Sie sind glaubwürdig, denn sie stehen für überwundenes Leiden. Deshalb wurde der Auferstandene Jesus eben auch nicht an hübschen weißen Kleidern erkannt, sondern an den Wundmalen, die die Nägel an seinen Händen und Füßen hinterlassen haben, und an der Narbe, die ihm die Lanze zugefügt hat.

Und hier zeigt sich worum es beim Glauben am Ende wirklich geht. Wissen, Verstehen, Denken gehören zum christlichen Glauben, keine Frage. Er hat mit Fakten zu tun, mit historischen Ereignissen, mit Inhalten, mit wichtigen Aussagen, die verstanden und angenommen werden wollen. Das ist grundsätzlich wichtig und richtig. Aber das Entscheidende ist die Frage, ob ich Gott in all meinen Kämpfen und Ungewissheiten für vertrauenswürdig halte.

Glaube heißt, zu vertrauen! Es beinhaltet ein Risiko. Ich mache mich abhängig von jemandem. Das ist herausfordernd. Auch die Menschen der Bibel mussten ständig um dieses Vertrauen ringen. Glaube als Wissen und Überzeugung war für sie meistens kein Problem Aber in Herausforderungen und Schwierigkeiten Gott wirklich zu vertrauen? Das erforderte eine ganz andere Haltung. Denn es geht auf einmal gar nicht mehr so sehr darum, wie viel ich weiß und was ich als Glaubender schon alles im Griff habe. Es geht vielmehr darum, dass ich einer Person vertraue. Nämlich Gott selbst. Dass ich eine so enge Verbindung zu ihm habe, dass ich ihm vertraue, was immer auch geschieht.

In meinem Alltag als Priester gibt es genügend Situationen, die überfordern, denen ich mich absolut nicht gewachsen fühle. Da stirbt plötzlich ein viel zu junger Mensch und lässt eine von Trauer und Fragen überwältigte Familie zurück. Wer bin ich, dass ich diesen Leuten hilfreich zur Seite stehen kann und Sie beim Abschiednehmen begleite. Spätestens an diesen existentiellen Punkten spüre ich, wenn ich mich jetzt nicht auf Gott verlasse, seinem Verspreche glaube, bei mir zu stehen, dann müsste ich laufen gehen.

Machen Sie heute den Test in Ihrem eigenen Leben und tun Sie nichts anderes, als Ihrem Herzen in herausfordernden Situationen des Alltags nahezulegen, Gott zu vertrauen. Denn, wie der Hebräerbrief sagt, der Glaube ist der tragende Grund für das, was man hofft: Im Vertrauen zeigt sich schon jetzt, was man noch nicht sieht[1].


[1] Hebr 11,1 in der HFA Übersetzung aus dem Brunnen Verlag.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 30.12.2018 gesendet.


Über den Autor Christian Olding

Pfarrer Christian Olding, geboren 1983, wuchs in Niedersachsen auf. 2011 empfing er die Priesterweihe und ist derzeit in der Pfarrei St. Maria Magdalena am Niederrhein tätig. Mit seinem Projekt v_the experience arbeitet er daran, den Glauben in seiner ganzen Alltagsrelevanz zu vermitteln. Kontakt
christian.olding@gmail.com Internet
www.youtube.com/c/vtheexperience

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