32. Sonntag im Jahreskreis, 11.11.2018

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Martinus in Much


Predigt von Pfarrer Josef Gerards

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Hörerinnen und Hörer an den Rundfunkgeräten!

In der vorweihnachtlichen Zeit ist es mittlerweile üblich, dass soziale, caritative oder kirchliche Institutionen Spendenbriefe verschicken. Bei uns im Pfarrhaus in Much flattert jährlich vor Weihnachten eine Flut von sogenannten Bettelbriefen ins Haus - vielleicht bekommen Sie solche Briefe zu Hause auch in den Briefkasten geworfen.

In dieser Zeit stellen sich mir immer wieder verschiedene Gewissensfragen, wie: Spende ich Geld für die und die Aktion oder nicht? Wenn ja, wie viel gebe ich? Ist es überhaupt verantwortbar, wenn ich an eine Einrichtung spende, ohne diese zu kennen? Und ähnliche Fragen.

Ich möchte nicht die Spendenpraxen der verschiedenen Institutionen verurteilen oder verteidigen – sehr wahrscheinlich werden Sie von einer der beiden großen Kirchen in irgendeiner Form auch Spendenbriefe in der nächsten Zeit bekommen, jedoch nehme ich diese Briefe zum Anlass eine Brücke zu finden zur Auslegung des heutigen Evangeliums.

Eine Witwe hatte zwei kleine Münzen in den Opferkasten des Tempels von Jerusalem geworfen und wurde von Jesus, der sie beobachtet hatte, davon gelobt.

Der Opferkasten in der Schatzkammer des herodianischen Tempels lag hinter den Säulengängen des Vorhofs der Frauen. Wenn jemand eine Spende abgab, wurde sie von einem Priester öffentlich gewogen und allen Umstehenden laut mitgeteilt. Ein Reicher konnte so seine „Wohltaten“ öffentlich zur Schau stellen, was eine arme Witwe, die man schon an ihrer Kleidung erkennen konnte und die damals nach dem Tod ihres Mannes in der Regel verarmte, nie hätte tun können. Neben der Scheinheiligkeit eines Reichen verblasste sie ganz. Und dennoch lobt Jesus sie, weil sie ihren ganzen Lebensunterhalt gab, alles, was sie besaß.

Für mich klingt das wirtschaftlich gesehen zuerst einmal unvernünftig: Hätte sie nicht wenigstens die Hälfte ihres Lebensunterhaltes behalten müssen? Wie kann Jesus, mit Verlaub, ihre Unvernünftigkeit loben?

Um zu erkennen, wieso Jesus sie hervorhebt, scheint es mir wichtig zu sein, auf die Intention der Witwe zu schauen, wieso sie spendet.

„Sie hat alles gegeben“, sagt Jesus. Mit ihren zwei Münzen hat sie nicht nur ihren ganzen Lebensunterhalt gegeben, sondern auch sich selbst ganz dem anvertraut, von dem sie Erlösung aus ihrer Not erhoffte, nämlich von Gott. Das Geld, das in den Opferkasten gelegt wurde, diente zum Erhalt des Tempels und war außerdem für das Tempelopfer bestimmt. So, wie es heutzutage Brauch ist Opferkerzen zu entzünden, wenn wir eine Kirche besuchen, und dazu Geld in den Opferstock werfen oder unsere Kollekte während der Gabenbereitung ins Körbchen legen - vielleicht ja bei manchem insgeheim auch in der Hoffnung, dass seine Gebete erhört werden. So gab es damals diese Spendenpraxis im Tempel.

Mich erinnert die Haltung der Witwe an eine Geschichte aus der Nachkriegszeit, die mir meine Mutter schon ein paar Mal erzählte und ich darf durch ihre Wiedergabe hier meine verstorbene Oma einmal hervorheben.

Wie viele in der Nachkriegszeit gehörte auch meine Oma zu einer der sogenannten Trümmerfrauen, von denen es zahlreiche gab, und die nach dem Krieg Deutschland wieder aufgebaut haben, weil ihre Männer entweder in Kriegsgefangenschaft oder gefallen waren. Mein Opa ist im Krieg vermisst geblieben und so stand meine Oma mit ihren vier Kindern alleine da, ohne Geld und mit kaum etwas zu essen. Nicht nur, dass sie ihre vier Kinder durchbringen musste, in ihrem Mitleid hatte sie auch noch zwei Waisenkinder aufgenommen. Eines Tages hatte sie für sich und die Kinder gar nichts mehr zu essen. Da sagte sie an diesem Tag zu den Kindern: „Liebe Kinder! Jetzt hilft nur noch beten.“

„Liebe Kinder! Jetzt hilft nur noch beten.“ Meine Oma hatte ein unerschütterliches Gottvertrauen bis zum Lebensende und es wurde in ihr, auch durch das schreckliche Leid des Krieges und der Nachkriegszeit, gefestigt. Wenn nichts mehr ging, dann wusste sie:
Gott hilft!

Zuerst einmal alles auf Gott setzen! Mir fällt das nicht immer leicht. In unserer auf Konsum ausgerichteten modernen Wohlstandsgesellschaft scheint es mir leichter zu sein, auf Geld und Reichtum zu vertrauen, als auf die Vorsehung Gottes. Eher baue ich auf irdische Sicherheiten, als auf Gott. Vielleicht geht es ihnen auch manchmal so, liebe Hörerinnen und Hörer.

Ganz auf Gott vertrauen! Für uns Christen ist Jesus das große Vorbild an Gottvertrauen, der sich durch seinen Tod am Kreuz ganz dem Willen des Vaters unterworfen und hingegeben hat. In der Geste der Witwe wird dieses Hingabe Jesu schemenhaft angedeutet. Sie vertraute auf die Erfüllung des Reiches Gottes, das die liebende Zuwendung Gottes zu uns Menschen bedeutet. Er lässt uns nicht im Stich. Er ist uns nahe, auch wenn wir es vielleicht nicht fühlen oder wenn wir uns sogar von ihm abwenden.

Die Witwe erfüllt mit ihren zwei kleinen Kupfermünzen das, was im 1. Gebot steht, dem sogenannten Sma Isarel und was zum täglichen Gebet eines gläubigen Juden gehört: „Höre Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“

Gott und auch den Mitmenschen „mit ganzem Herzen lieben, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“, wie schwer kann das doch manchmal sein. Und dennoch ist es möglich, wie es uns ja auch der hl. Martin von Tours gezeigt hat. In dem armen Bettler vor dem Stadttor von Reims begegnet ihm Christus. Die Mantelteilung wird für ihn zum Umkehrweg zu Gott.

Am Schluss, liebe Brüder und Schwestern, bleibt nun noch die Frage: Wie sollen wir denn nun spenden? Ich habe die Frage für mich so beantwortet: Spende das, was dir möglich ist. - Und mir darf es auch ruhig ein wenig wehtun, denn im Gegensatz zu Geringverdienern habe ich mehr als genug für mein Auskommen.

Aber wenn Du spendest, dann tue es mit ganzem Herzen, mit Wertschätzung und mit all deiner Liebe zu den Menschen, die in Not sind oder zu der Aktion, die hinter dem Spendenaufruf steht. Deshalb sollten wir nicht heuchlerisch und prahlerisch unser Gutmenschentun in den Vordergrund stellen; da kann ein Weniger manchmal ein Mehr sein. Geben wir so in dem Bewusstsein, dass wir alle vor Gott selbst Beschenkte sind. Er schenkt uns das Leben; ohne ihn wären wir nicht und gäbe es nichts.

Mögen wir alle, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, immer die Nähe und Liebe Gottes erfahren, sei es nun als Spender oder als Empfänger, der sich uns selbst in seinem Sohn Jesus Christus geschenkt hat.


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Dieser Beitrag wurde am 11.11.2018 gesendet.





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