Morgenandacht, 27.10.2018

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Herzensangelegenheit

An nichts wollen wir Menschen so wenig erinnert werden wie an unsere Vergänglichkeit. Aber genau diese Erinnerung drängt sich gerade in diesen Tagen sehr deutlich in unseren Alltag. Die Natur ist im Übergang vom Herbst in den Winter. Die Tage werden kürzer und das Sonnenlicht wärmt nicht mehr so stark. Und in einigen Tagen werden wieder viele Menschen unterwegs sein, allein oder mit der Familie, um die Gräber der Verstorbenen zu besuchen. Ob ich will oder nicht, ich komme nicht darum herum, der Tatsache wieder einmal ins Auge zu blicken, dass ich vergänglich bin und mein Leben kurz ist. Darin liegt aber auch die Chance, einmal etwas tiefer nachzuspüren, was die vielen kleinen und großen Abschiede im Leben in mir bewirkt haben.

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Leben davonfließt. Ich schaue immer wieder zurück, und dann tauchen sie wieder auf, die Menschen, die gegangen sind, die schönen Zeiten und Erlebnisse, die ich nicht mehr zurückholen kann. Dieses genaue Hinsehen ist Teil unserer christlich geprägten Lebenskultur. Die Erinnerung an Vergangenes und verloren Geglaubtes öffnet manchmal sogar einen Weg der Heilung. So erzählt es auch die folgende Geschichte:

Ein erfolgreicher Unternehmer, der eine große Firma aufgebaut hatte, erlitt eines Tages eine Herzschwäche, die ihn zwang, seine Arbeit zu verringern und immer wieder eine Pause einzulegen. Seine Ärzte untersuchten ihn eingehend, konnten aber keine spezielle Erkrankung feststellen. So empfahlen sie ihm genügend Ruhe und Entspannung in seinem arbeitsreichen Alltag.

Der Mann befolgte die Ratschläge der Ärzte, konnte aber nicht mehr zu seiner alten Kraft zurückfinden. So ging er eines Tages in ein Kloster und vertraute sich einem spirituellen Meister an. Dieser begrüßte den Geschäftsmann freundlich, führte ihn durch das Kloster und empfahl ihm, in den kommenden Tagen außer schlafen und essen nichts zu tun. Nach einigen Tagen besuchte der Meister seinen Gast in seiner Zelle und gab ihm die Anregung, alles aus dem Raum zu entfernen, was er entbehren könnte. Der Mann sagte zu dem Meister: „Ich weiß, das wird die Heilung für mich sein, wenn ich mich von den materiellen Dingen lösen kann, ihr werdet dann sicher das Loslassen mit mir einüben wollen.“ Der Meister schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, so einfach wird es nicht sein“, dann verließ er seinen Gast. Nach weiteren zwei Tagen rief der Meister den Mann  zu sich und fragte ihn: „Was belastet dein Herz?“  Der Geschäftsmann dachte sofort an seine Firma und an die viele Arbeit und an seine Familie, die ihn sicher dringend brauchte.

Nachdem er von all diesen Dingen seines Lebens gesprochen hatte, sagte der Meister: „Nein, das ist es nicht“, und ging.

Am nächsten Tag fragte der Meister wieder: „Was belastet dein Herz?“  Der Mann begann zögernd wieder von seinen alltäglichen Aufgaben und Pflichten zu erzählen. „Nein“, unterbrach ihn der Meister, „das ist es nicht. Das beschäftigt deine Gedanken. Ich aber hatte dich gefragt: was belastet dein Herz?!“ Der Geschäftsmann stöhnte: „Wie soll ich wissen, was mein Herz belastet? Wo soll ich da suchen? Wo ist mein Herz?“ 

Der Meister lächelte und sagte: „Siehst du, jetzt stellst du dich richtigen Fragen. Suche dein Herz.“ Als sie sich am nächsten Tag trafen, schaute der Meister den Mann lange nachdenklich an und sagte schließlich: „Du hast dich verändert, was ist passiert?“

Der Mann nickte und sagte: „Ich habe heute Nacht von meinem Vater geträumt, er ist gestorben, als ich noch ein junger Mann war.“ Der Meister stand langsam auf, verneigte sich und sagte: „Du brauchst mich jetzt nicht mehr, dein Herz hat gesprochen, und du wirst erkennen, dass dich das heilen wird, womit du in deinem tiefsten Inneren verbunden bist.“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 27.10.2018 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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