Morgenandacht, 25.10.2018

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Freiheit

Wussten Sie, dass in jedem Augenblick in Ihrem Gehirn ein kleiner Kampf stattfindet? Jedes Mal, wenn Sie überlegen: „Soll ich mir diese teuren Schuhe kaufen oder nicht“, oder: „Soll ich wirklich noch ein zweites Stück Kuchen essen“, dann kämpfen zwei Systeme im Gehirn.

Das eine sagt: „Ja, mach´s, greif zu!“ Das andere sagt: „Nein, halt, überleg erst nochmal!“

Der bekannte Mediziner Joachim Bauer nennt diese beiden Stimmen im Kopf: „Go“ und „No-Go“. Der eine Teil des Hirns will eine schnelle Triebbefriedigung und sagt mit dem Blick auf den Kuchen sofort: „Go, hol dir das zweite Stück!“ Der andere No-go-Teil im Stirnhirn sagt: „Halt, stopp, im Kuchen ist viel Zucker, denk doch mal an deine Gesundheit!“

Im Grunde genommen geht es darum, ob ich den ständigen Reizen, die auf mich einprasseln, einfach folge oder auch einmal innehalte und überlege, was richtig und wichtig ist. Psychologen und Ärzte warnen vor der ständigen Reizüberflutung und stellen auch die Folgen dar: wenn ich nur noch den Reizen der Werbung und der Handys und Computer folge, dann verändert das sogar meine Gene, es schwächt das Herz und das Krebsrisiko steigt. Der No-Go-Teil des Gehirns braucht also mehr Einfluss.

In den spirituellen Traditionen ist dieses Wissen schon immer vorhanden: Wenn Glocken läuten oder zum Gebet gerufen wird, oder wenn Menschen still dasitzen und meditieren, dann bekommt der No-Go-Teil unseres Hirns einen Raum.

Wenn ich also zwischendurch oder am Abend noch etwas Raum und Zeit habe, um zu entspannen und ein wenig über das Leben nachzudenken, dann ist das gesünder, als Werbung im Fernsehen anzuschauen oder Nachrichten auf dem Smartphone zu verschicken. Und wenn mich der Go-Teil des Gehirns zu etwas anstacheln will, dann kann ich denken: „Nein, für heut´ ist´s genug! Meine Gesundheit geht vor!“

Dieser No-Go-Teil unseres Gehirns ist aber auch gefährdet. Denn er wird stark beeinflusst von den No-Go´s des Zeitgeistes und der Mode. Was geht und gilt, entscheiden nämlich viele um uns herum.

In einem Mode-Forum habe ich die Frage an eine Style-Expertin gelesen:

Da stand: „Ich bin im Urlaub und habe Blasen an den Füßen. Darf ich da Socken in meinen Sandalen tragen?“

Offensichtlich ist unsere so freie, postmoderne Gesellschaft gar nicht so frei, wie sie sich ausgibt. In manchen Dingen ist sie recht streng. Da wird einem gesagt, was ein „Echtes Muss“, ein „Must have“ ist und was „einfach peinlich“ oder eben ein „No-Go“ ist.

Ich denke an einen der christlichen Kernsätze. Er stammt vom Apostel Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Ständig war der Christus-Botschafter Paulus damit beschäftigt, seine Mitchristen zur Freiheit zu ermutigen und vor dem Rückfall in ängstliche Gesetzlichkeit zu bewahren, nicht nur in den großen Glaubensdingen, sondern auch in der Alltagspraxis. Damals ging es etwa um die Frage, ob Christen Fleisch essen dürfen, das eventuell in einem heidnischen Tempel geschlachtet wurde.

Müsste es heute nicht darum gehen, auch in den kleinen Dingen des Alltags Freiheit und Toleranz zu leben, selbstbewusster zu werden gegenüber denen, die lautstark Mode-„Sünden“ anprangern und ein absolutes „Geht gar nicht“ diktieren? Ich denke: Gott hat uns als Individuen erschaffen mit eigenen Gaben und Fähigkeiten, aber auch mit eigener Schönheit, Charakter und Stil. Ihn zu finden und zu leben und notfalls auch zu behaupten, ist Teil unseres Christseins und unserer christlichen Freiheit. Ich möchte mir nicht von anderen vorschreiben lassen, ob ich in Sandalen Socken trage oder nicht. Deshalb finde ich den Teil meines Hirns sehr wichtig, der mir keine Vorschriften macht, sondern mir Raum für freie Entscheidungen lässt, damit ich bewusst sagen kann: „Geht“ oder: „Geht gar nicht!“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 25.10.2018 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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