Morgenandacht, 24.10.2018

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Aufklärung

Die Mediziner schlagen ständig Alarm: Negativer Stress ist immer noch eine der größten Gesundheitsgefahren auch im 21. Jahrhundert. Stress heißt ja „Spannung“ und meint eigentlich etwas Natürliches: eine innere Spannung und Konzentration haben wir ja immer. Die permanente An-spannung und Über-spannung jedoch ist so groß geworden, dass der Stress krank macht.

Aber Stress ist unsichtbar. Er lässt sich nicht beim Röntgen oder mit Ultraschall abbilden. Der erste Experte für das, was mich stresst, ist also nicht der Arzt, sondern das bin ich selbst. Ich kann mich vorbeugend selbst mit der Frage beschäftigen: was spannt mich denn so an? Wo müsste ich loslassen?

Der Psychologe Steven Pinker erforscht das menschliche Denken und meint, das Problem liege in unserem Kopf. Dort finden zu viele Verzerrungen statt. Denn was uns mit am meisten beschäftigt, ist das Gefühl, dass die Welt immer schlechter wird. Terrorismus, Umweltveränderungen und populistischer Irrsinn in der Politik geben uns das Gefühl, dass wir auf eine große Katastrophe zulaufen. Der bekannte Harvard-Professor hat gegen diese ängstliche Sichtweise jetzt eine Art Therapiebuch geschrieben. Der Titel: „Aufklärung jetzt“. Pinker meint, es gebe genügend Belege dafür, dass wir heute länger und gesünder leben. Glücklicher, friedlicher und wohlhabender. Und das -so meint Pinker- ist möglich geworden durch die Aufklärung. Also die Erkenntnis, dass wir Menschen durch vernünftiges Denken auch vernünftige Lösungen entwickeln können.

Eine ganze Epoche heißt die Zeit der Aufklärung: den Menschen wird Mut gemacht, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und nicht blind irgendwelchen anderen Meinungen und Idealen zu folgen. Vielleicht brauchen wir ab und zu solche Menschen wie Pinker, die uns den Kopf waschen und sagen: Du hast einen Verstand, benutze ihn konsequent und du wirst klarer sehen!

Eine frühe Form der Auf-klärung finden wir in der Bibel: „Es werde Licht!“ heißt es am Anfang der Bibel in der Schöpfungsgeschichte. Gott macht die Finsternis hell und bringt Ordnung in das Chaos, in das große Tohuwabohu. Er klärt auf. Gott bringt Licht in die Welt, sagt auch der Johannes-Prolog im Neuen Testament.  Im Anfang war das Wort … und Gott war das Wort, – so beginnt das Johannes–Evangelium. Und dann heißt es weiter: In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

Erleuchtung und Aufklärung sind ja ein urmenschliches Verlangen. Schon als kleine Kinder wollen wir all die Dinge um uns herum begreifen. Wir wollen die Gesetze der Natur erkennen – alles, das Ganze. Den Anfang und das Ziel. Das Leben in seiner Fülle und Schönheit. Aber auch, warum es so viel Leid und Ungerechtigkeit und schließlich den Tod gibt.

Um Licht in unser Leben zu bringen und klar zu sehen, brauchen wir aber Zeit. Ohne Zeit gibt es kein differenziertes Wahrnehmen und Nachdenken; und dann auch keine Aufklärung.  Wie die Sonntagsruhe scheinen uns aber auch die Pausen verloren zu gehen. Denn Handy, Internet und Fernsehen kennen keine Pause und keinen Feierabend mehr, keinen Sonntag und keine Ferien. So wird unser ganzes Leben immer schneller und vollgestopfter, pausen-los sind wir beschäftigt. Deshalb muss sich der moderne Mensch seine Pausen selbst setzen, müssen wir uns selbst unsere Pausen gönnen, eine Auszeit nehmen. Zeit zum Nachdenken. Zeit für Aufklärung.

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 24.10.2018 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche