Morgenandacht, 23.10.2018

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Aufatmen

„Du kannst nicht immer alles bekommen, was du willst!“ Mit diesem energischen Satz beendet eine Mutter vor mir an der Kasse des Supermarktes die Diskussion mit ihrer Tochter. Aber das Kind beharrt auf seinem Willen und schreit nun noch lauter, was es haben will.

Es ist doch seltsam: eigentlich können wir nicht leben, ohne etwas zu wollen, aber dann müssen wir den Willen oft auch wieder unterdrücken.

Was ist das mit dem Wollen, warum bringt uns das Wollen in solche Schwierigkeiten?

Wir müssen doch etwas wollen: Kinder müssen lernen wollen, Komponisten müssen Musik machen wollen, Schriftsteller müssen schreiben wollen und Architekten etwas planen wollen. Sonst würden wir doch immer noch in Höhlen sitzen.

Aber irgendwie scheint in dem Wollen auch eine Gefahr zu stecken.

Wenn wir unserem Wollen nachgeben, kann das ganz schnell eskalieren und uns auf einen Weg bringen, der uns nicht glücklich macht. Und mehr noch, es kann alles zerstören. Viele Menschen zerstören ihre Gesundheit, weil sie den beruflichen Erfolg ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen wollen. Oder Menschen ruinieren ihre finanziellen Grundlagen, weil sie keine Grenzen kennen im nicht enden wollenden Kaufrausch. Vielleicht ist das der Grund, warum die so genannten biblischen Urerzählungen fast ausschließlich Einblicke in das menschliche Scheitern präsentieren.

Wir lesen von Adam und Eva, die haben im Paradies doch alles, was sie wollen und brauchen! Aber plötzlich wollen die beiden etwas anderes: sie wollen nicht mehr in dem leben, was schon da und vorgegeben ist. Sie wollen selbst entscheiden, was gut und schlecht für sie ist. Sie wollen frei werden, um selbst entscheiden zu können. Sie wollen sagen können: Ich will! Sie wollen sein wie Gott, sagt die Bibel. Und damit beginnt das Drama der Menschheit. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, weil er den gleichen Erfolg haben will wie der. Beim Turmbau zu Babel verlieren die Menschen den Zusammenhalt, weil sie zu hoch hinauswollen.

Das Leben wird anstrengend, sagt die Bibel, und am Ende wird der Mensch zu Staub. Deshalb fühlen sich Adam und Eva plötzlich nackt. Denn jetzt sind sie verletzlich geworden und schutzbedürftig. Und das macht Angst. Im Paradies waren sie sicher. Jetzt wartet hinter jeder Ecke der Tod.

Gott sagt: ihr Menschen könnt jetzt Gut und Böse unterscheiden. Das heißt aber auch: wir müssen wählen, wir müssen entscheiden, was wir wollen. Wir können es keinem anderen mehr überlassen. Und jede meiner Entscheidungen hat Folgen, und ich weiß nie im Voraus, welche das sein werden.

Und so beginnt die Entwicklung jeder Persönlichkeit. Jedes Kind stampft irgendwann mit dem Fuß auf und sagt: ich will aber.

Und Pädagogen sagen, dass man diesen Willen des Kindes nicht mit Gewalt brechen darf. Denn ohne dieses „Ich will“ findet das Kind nicht zu sich selbst.

Vielleicht ist das für die Autoren der Bibel die Aussageabsicht, weshalb Adam und Eva die Freiheit wollten, selbst entscheiden zu können: sie wollten sich selbst spüren. In seinem Wollen spürt der Mensch sich selbst. Gleichzeitig müssen wir bei allen Entscheidungen aber prüfen, welche Gefahr darin steckt.

Vielleicht hilft da das Beten. Wenn ich im „Vater unser“ bete: „Dein Wille geschehe“, dann komme ich wieder zurück zu Adam und Eva.

Ihre Entscheidung selbst bestimmen zu wollen über ihr Leben, erinnert mich an meinen eigenen Selbstbehauptungswillen und auch an meine Selbstüberschätzung.

Ich persönlich bete dann gerne: „Gott ich danke dir, dass du mir die Freiheit gibst, meinen Lebensweg selbst zu gestalten, auch wenn ich weiß, dass das, was ich will, mich oft eher vom Leben wegbringt. Bleibe Du bei mir auf meinen Wegen wie ein einfühlsamer Freund, der mich rechtzeitig warnt.“

Mit diesem Bild kann ich erleichtert aufatmen. Ich kann meine vielen Umwege im Leben dankbar annehmen. Ich weiß, dass ich nicht Gott sein kann, aber dafür darf ich ganz Mensch sein.

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 23.10.2018 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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