30. Sonntag im Jahreskreis, 28.10.2018

Predigt des Gottesdienstes aus der Klosterkirche St. Johannes Evangelist in Bramsche-Malgarten


Predigt von Pfarrer Tobias Kotte

Es war ein richtig großes Geheimnis, so groß, dass selbst die Eltern nichts davon erfahren sollten. Jeden Tag nach Schule und Hausaufgaben machten wir zwei uns auf dem Weg mit dem Fahrrad an den Rand unseres Dorfes zu einem kleinen Wäldchen; wir, also mein Freund, der Nachbarjunge, und ich. Wir hatten einen großartigen Plan geschmiedet und machten uns nun daran, ihn in die Tat umzusetzen: Wir bauen uns eine Hütte, unsere Hütte! Wir schleppten Steine zusammen, Äste und Zweige, berieten, wo die Tür, wo ein Fenster sein sollte. Leider haben wir dieses Bauvorhaben nie wirklich vollendet. Vielleicht 30 Zentimeter, höher sind die Mauern unserer Hütte nicht geworden; dann wurde uns das Projekt doch zu mühsam und andere tolle Ideen warteten darauf umgesetzt zu werden. In dem Wäldchen blieb eine Ruine zurück. (Egal.) Wir hatten ja ein Zuhause.

Jeder Mensch braucht einen Zufluchtsort; einen Ort, wo er, wo sie sich sicher fühlt und geborgen, wo man sich beruhigt schlafen legen kann. Es ist eine unserer menschlichen Ur-Sehnsüchte, ein Grundbedürfnis, in Sicherheit leben zu können, ein Dach über dem Kopf zu haben, die eigenen vier Wände, wo nichts und niemand mir etwas anhaben kann. Und darüber hinaus gibt es dann auch diese besonderen Orte, die mir einfach gut tun, an denen ich mit mir und mit allem im Frieden bin und wo mir eine Kraft zukommt, die mich aufleben lässt: Für manche ist es das eigene Zuhause, für andere ein bestimmter Urlaubsort, für wieder andere eine bestimmte schöne Kirche oder einfach eine Bank, auf der man immer mal wieder Rast macht.

Ein Zufluchtsort: Das kann auch ein Mensch sein, der mir einfach gut tut, bei dem ich mich verstanden weiß auch ohne viele Worte, mit dem es einfach schön ist, der mir Sicherheit gibt und Stärke einfach durch sein Da-Sein und So-Sein, durch seine Aufmerksamkeit für mich, seine hilfreichen Worte, seine Fürsorge.

Bartimäus hat so einen Menschen in seiner Begegnung mit Jesus gefunden: Der blinde Bettler überwindet alle Hindernisse, auch die Mauer aus Menschen, die sich ihm zunächst entgegenstellt. Er kommt mit Jesus in Kontakt. Und Jesus möchte mit ihm und seiner Sehnsucht ins Gespräch kommen: „Was soll ich Dir tun?“, fragt er. Bartimäus bringt seinen Herzenswunsch in Worte: „Ich möchte wieder sehen können.“ Und er spricht ihn mit diesem wunderschönen, zärtlichen Wort „Rabbuni“ an, das sonst nur Maria von Magdala in den Mund nimmt, als ihr am Ostermorgen aufgeht, dass nicht der Gärtner, sondern der auferstandene Jesus vor ihr steht. Dieses Wort ist kaum zu übersetzen, weil da so viel Zärtlichkeit und innere Zuneigung mitschwingt: „Mein lieber Meister!“ Das Glaubensbekenntnis des Bartimäus, in nur einem Wort.

In diesem Glauben wird Jesus für ihn zu einem Zufluchtsort, wo er mit seinem ganzen Leben geborgen ist; deshalb kann er gar nicht anders als bei Jesus zu bleiben und ihm zu folgen auf seinem Weg.

„Gott ist uns Zuflucht und Stärke“, dieses Bekenntnis aus Psalm 46, das Leitwort des heutigen Weltmissionssonntages, bringt nicht nur die Erfahrung von Bartimäus auf den Punkt. Es ist die Erfahrung, die Israel auf dem Weg mit seinem Gott immer wieder macht. Durch seinen Propheten Jeremia – wir hörten es eben in der ersten Lesung –  spricht Gott seinem Volk Trost zu, verspricht er, dass er es heraus führt aus dem Exil, aus Elend und Deportation, weg von dem Ort des Ungeborgen-Seins und Abgeschnitten-Seins von der Kraftquelle, die Gott für sein Volk sein will. Nun will Gott – trotz aller Enttäuschung über dessen Untreue – sein Volk retten, sammeln, zusammenführen, heimkehren lassen. Es soll alle Lasten abwerfen können und in Ruhe und Sicherheit leben dürfen, befreit von aller Angst, miteinander und mit Gott. Gott, der Zufluchtsort für sein Volk Israel.

Gottes Liebe und Fürsorge für seine Menschen. So viele Menschen allerdings erleben sie nicht, erleben sich von ihr ausgeschlossen; sie haben keinen Zufluchtsort. Sie erleben eine menschliche Mauer der Ablehnung, wie Bartimäus sie erlebte, wenn ein ganzer Kontinent dicht macht und sich um das Schicksal schutzloser Menschen in seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer nicht kümmert. Sie erleben sich als Menschen zweiter Klasse, wenn sie mit dem Tempo und den Bedingungen nicht mitkommen, die unsere Leistungsgesellschaft vorgibt. Sie erleben, dass sie als ältere Menschen oder Menschen mit Handicaps nicht gefragt und wertgeschätzt sind und alleine klar kommen müssen, bis hin zur Schwierigkeit, in unserem Land eine bezahlbare Wohnung zu finden.

„Jeder Mensch braucht ein Zuhause“, einen Zufluchtsort – auch die Caritas macht mit ihrer diesjährigen Kampagne sehr deutlich auf das Recht jedes Menschen aufmerksam, einen privaten Schutzraum zu haben.

Wenn Gott uns Zuflucht und Stärke ist, dann sind auch wir gerufen, gerade den Ungeborgenen und Leidenden Zufluchtsort und Stärkung zu sein, so gut wir nur können.

Gerade jetzt ist uns als Christinnen und Christen, als Kirche diese Herausforderung aufgegeben. Denn allein zu sagen, dass die Kirche ein Schutzraum ist, ein Zufluchtsort und ein Ort der Stärkung und Ermutigung, genügt nicht, ist nicht mehr glaubwürdig. Viel zu viele mussten und müssen erleben, dass ihnen mitten in der Kirche der Zufluchtsort geraubt wurde und wird, weil Vertreter der Kirche, die doch eigentlich den guten und liebenden Gott erfahrbar machen sollten, das genaue Gegenteil gemacht und den ihnen anvertrauten Menschen unsagbares Leid angetan haben.

Ich möchte bei Gott meine Zuflucht suchen und das, was mich heilt und stärkt; nur dann kann ich selber ein Mensch sein, bei dem andere Gott wieder als Zuflucht erleben können, als bergenden und schützenden Raum, der Aufatmen und Heilung möglich macht.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 28.10.2018 gesendet.