Feiertag, 25.11.2018

von Jens Daniel Schubert aus Dresden

Wenn Glaube konkret wird: Hilfe, ich sterbe!

Sterben muss jeder – auf seine Weise. Soviel ist sicher. Was danach kommt – da scheiden sich die Geister. Das muss man glauben, meint Jens Daniel Schubert. Der gläubige Christ und Hospizhelfer hat einen engen Freund begleitet in den letzten von einer schweren Krankheit geprägten Monaten seines Lebens. Schubert fragt: „Kann mein Glaube einem anderen helfen, wenn es konkret wird?“ Ein Erfahrungsbericht.

Im Sommer vorigen Jahres hatten wir uns mit Freunden verabredet. Wir wollten in unserer neu eingerichteten Küche zusammen kochen und sie von ihrem Urlaub auf der schönen Mittelmeerinsel erzählen. Dann rief der Freund an, sie hätten sich im Urlaub den Magen verdorben, ob wir das Treffen verschieben wollen, zumindest das mit dem gemeinsam kochen und essen würde so nichts werden. Wir haben nicht verschoben. Es war auch so ein schöner Abend. Unser letzter unbeschwerter Abend.

Zwei Wochen später, seine Übelkeit war anhaltend und man hatte die größeren Diagnostikgeräte eingesetzt, entdeckte man bei ihm Hirnmetastasen. Auch ohne zu wissen, von welchem Herd der Krebs streut, musste man sofort operieren, dann bestrahlen, dazu Chemotherapie: das ganze Arsenal, was die Krebsmedizin zu bieten hatte. Und dennoch war schon bei Diagnosestellung zu ahnen, dass es keine Heilung geben würde. Meine Frau, die vom Fach ist, ermutigte mich zum Krankenhausbesuch, noch vor der ersten Bestrahlung, jetzt, nicht später. Mein Freund und seine Frau haben ihre Hoffnung auf Heilung oder wenigstens Besserung immer hochgehalten. Mir war es oft fatal, wenn ich sie in Zeitdimensionen denken und planen hörte, die nach Einschätzung der Fachleute vollkommen unrealistisch waren. Doch hier, noch vor dem ersten Bestrahlungsanlauf, begrüßte er mich mit einem ganz konkreten Anliegen: „Du kennst mein ambivalentes Verhältnis zu Gott“, sagte er zu mir. Und dann: „Dafür bist Du jetzt zuständig.“

„Dafür bist du jetzt zuständig“

Ich hatte mit vielem gerechnet. In fast zehn Jahren als Hospizhelfer und mit einer Ärztin verheiratet, die mehr als zwanzig Jahre Palliativmedizin macht sind mir viele Situationen begegnet: Menschen, die nicht wahr haben wollen, dass oder wie ernst es ist. Menschen, die wütend sind auf sich, die anderen, auf Gott oder das Schicksal. Menschen, die sich ihre Selbstbestimmung nicht wollen nehmen lassen und die mit Ärzten, mit dem Leben oder mit Gott einen Deal zu machen versuchen. Menschen, die vollkommen verzweifelt sind und andere, die neugierig und gespannt sind auf das, was kommt. Bei allen Menschen, denen ich in dieser Situation begegnet bin, wurde ihre Haltung zu Glaube und Religiosität auf den Prüfstand gestellt: Ist der Tod eine Zäsur oder das Ende. Was glaube ich kommt dann? Ich habe Christen erlebt, die vor dem „ewigen Gericht“ bangten. Und solche, die im Vertrauen auf Gottes Gnade geradezu entspannt waren. Ich habe Menschen erlebt, die sich in Erwartung des absoluten Endes, einem Fallen in ein Nichts, verzweifelt an jede Faser Leben klammerten. Und andere, die ihr Leben „wie einen gelungenen Brief unterschreiben wollten, wie etwas, mit dem sie insgesamt einverstanden waren“. Und nun ganz bewusst den letzten Punkt setzen wollten.

Mein Freund sagte: „Dafür bist Du jetzt zuständig“ und ich fragte mich, ob er mit mir darüber reden wolle. Oder gar mit mir beten? Wir waren Freunde, Kollegen, hatten manches zusammen erlebt und bestritten, einen besonderen Draht zueinander, der über das Gesagte hinausging. Ja. Aber damit hatte ich nicht gerechnet. Was bedeutete das, was sollte ich jetzt tun?

Für ihn gebetet habe ich – nur für mich

Ich habe an seinem Bett gesessen und von mir erzählt. Von meinem Glauben. Von meiner Hoffnung. Ganz unsicher bin ich gewesen, weil ich nur von mir gesprochen habe. Weil ich nicht wusste, was er jetzt braucht, was er von mir hören will, was ich ihm sagen kann. Vielleicht auch, weil es ein geradezu beängstigend intimer Moment war. Seine Frau saß hinter mir auf einem zweiten Stuhl und war ganz still. Für ihn gebetet habe ich - nur für mich.

Sterben ist „menschlich“, gehört zum Mensch-Sein dazu. Jeder weiß, dass er sterben wird, irgendwann. Viele denken auch darüber nach was dann kommt. Die Meisten haben Fragen, quält Ungewissheit. Was, wenn ich ein Leben lang auf den falschen Dampfer gesetzt habe, wenn nun doch alles ganz anders ist? Es unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen, dass er weiß, dass Leben endlich ist. Seit Menschengedenken meditieren Theologen und Philosophen über die Frage nach, was dann kommt. Doch wie wohl bei allen wirklich wichtigen Fragen ist die Antwort auch hier eine Frage des Glaubens, so oder so. Und jeder muss sie für sich beantworten. Was kann ich da einem Anderen, selbst einem guten Freund, mitgeben?

Ziele setzen, Machbares ausloten

Meine Frau und ich fahren in Urlaub, Kroatien. Wir wissen, es ist eines der noch ausstehenden Ziele meines Freundes. Er ist in einer Rehabilitations-Einrichtung vor den Toren unserer Stadt. Regelmäßig schicken wir ihm Nachrichten. Beschreiben, was wir erlebt und gesehen haben, schicken Fotos von Motiven, die wohl auch er fotografiert hätte. In den alten Kathedralen und in wunderschöner Natur, in unseren Augen Gottes Schöpfung, halten wir inne, immer wieder: ein Gebet für den Freund. „Dafür bist Du jetzt zuständig“.

Auf dem Rückweg machen wir Station in der Rehaklinik. Mein Freund ist ehrgeizig, er kämpft, er hat Hoffnung, ist stolz auf jeden Fortschritt. Seine Frau ermutigt ihn, liest und studiert medizinische Berichte, Fachartikel, will immer noch einen Schritt weiter. Jeder Strohhalm wird zum möglicherweise rettenden Floß. Doch dann kommt der Rückschlag. Unerbittlich zerschlägt er alle Hoffnungsszenarien: Die Zeit, die bleiben wird, ist unausweichlich eng begrenzt, überschaubar. Man kann dem Leben nicht mehr Stunden geben. Die Grande Dame der Hospizbewegung, Cicely Saunders, soll gesagt haben, man muss den Stunden mehr Leben geben. Kleine, erfüllbare Ziele setzen. Machbares ausloten.

„Was wünschst Du Dir am Meisten?“ „Aus den Dünen über die Ostsee schauen. Mit meiner Frau. Und mit Dir.“ Ich denke, das geht nicht. Suche nach einem Ersatz, der dem nahe kommt. Phantasie mobilisieren. Seine Frau ist eingebunden ins Arbeiten und Umorganisieren. Eigentlich brauchte sie Erholung, eine Auszeit. Meine Frau sagt, es geht. Gerade deswegen. Wann, wenn nicht jetzt. „In einem Jahr werden wir mit anderen Augen auf jetzt schauen. Wir werden uns fragen, warum wir ihm seinen Wunsch nicht erfüllt haben. Warum wir uns diese Zeit mit ihm und für ihn nicht genommen haben. Warum wir aufgegeben haben ohne es wenigstens zu versuchen.“ Also Ostsee. Jetzt.

Stunden voller Intensität

Wir buchen eine rollstuhlgerechte Ferienwohnung direkt am Strand, mieten ein Auto, mit dem man den Freund und seinen Rollstuhl transportieren kann. Machen uns von der Arbeit frei. Die Fahrt von Dresden an die Ostsee ist anstrengend für den Freund, den Rollstuhl durch den Ostseesand zu schieben für uns. Aber es sind Stunden voller Intensität, unvergesslich, einprägend. Endlich leben. Leben bis zuletzt. Eine volle Seite für das Buch der Erinnerungen, die bleibt, die keiner mehr umschreiben kann. Es war, bei allem, nicht ein Opfer, ihm seinen Wunsch zu erfüllen, sondern ein Geschenk, diese Zeit erlebt zu haben.

Auf der Rückfahrt planen wir das nächste Ziel. Ein kleines Konzert am Buß- und Bettag. Auf dem Weg dahin fahren wir durch die Landschaften seiner Kindheit. Im tiefen Licht der November-Abend-Sonne. Bilder wie aus einem Film. Musik. Andere, die das Gleiche hören, mit anderen Ohren, gesunden. Wieder im Hospiz, in das er inzwischen gezogen war, ist er vollkommen geschafft. Aber er ist froh. Und er freut sich auf den nächsten Ausflug. Es soll etwas adventliches sein. Nicht der Striezelmarkt, der ist so hektisch. Eine Adventsvesper, die alten Lieder, die Hofkirche. Wir planen, organisieren. Doch als wir ihn abholen ist er zu schwach, fühlt sich nicht in der Lage mit zu kommen. Eine Musikschule hat sich angesagt und singt im Hospiz-Treppenhaus die Lieder von der Weihnacht. Mein Freund hört es von seinem Bett durch die geöffnete Tür.

Ich bin traurig. Mein Freund ist nur wenig älter als ich. Seine Frau in meinem Alter. Er wollte nur noch ein wenig arbeiten. Das Haus abbezahlen und sich dann so oft verschobenen Projekten widmen. Ein begonnenes wird seine Frau mit ihrem gemeinsamen Sohn beenden. Immer wieder staunte ich, wie genau mein Freund es mit dem Leben und den Menschen nahm, wie er abgewogen hat, wie er akribisch versuchte, Fehler zu vermeiden, Leben planbar zu machen. Ich bewundere ihn bis heute dafür. Auch wenn „Sterben mit Anfang Sechzig“ in seinen Plänen so nicht vorgesehen war.

Es ist Heiligabend. Nach dem Krippenspiel in der Kathedrale spricht, entgegen der Tradition, der Bischof. Dankt, segnet, lädt ein zum Vaterunser. Ich denke an meinen Freund, bete mit, ahne nicht, dass er am Heiligen Abend stirbt.

„Du kennst mein ambivalentes Verhältnis zu Gott“

Bei der Beerdigung gibt es keine Kirche, keinen Pfarrer – ein ruhiger, schöner Ort, ein Friedwald. „Du kennst mein ambivalentes Verhältnis zu Gott“, hatte mein Freund gesagt. Seine Frau hat einen guten Blick dafür. Es fühlt sich richtig an. Sie wird ihm hier nah sein können. Wer immer diese Stelle besucht, wird etwas von ihm spüren.

Schulfreunde erinnern sich, Kollegen würdigen ihn, es entsteht ein Bild von ihm. So ist er dabei. Die Trennung wird erträglicher für die Zurückgebliebenen. Auch ich soll reden. Nicht am Ort der Gedenkfeier, sondern da, wo die Urne in die Erde gelassen wird, an den Wurzeln eines großen Baumes. Bach tönt aus dem tragbaren Lautsprecher.

Ich erzähle von meinem Freund, wie ich ihn kennengelernt habe. Und von seinem Auftrag. „Du kennst mein ambivalentes Verhältnis zu Gott, dafür bist Du jetzt zuständig.“ Wie ich ihm erzählt habe, was ich glaube:

Es erscheint mir völlig absurd, dass das reiche Leben, das doch viel mehr ist als biochemische Vorgänge, viel mehr als ein Werden und Vergehen von Zellen, dass dieses Leben nicht aufgehoben sein soll in einem größeren Kontext. Ich kann nicht glauben, dass es mit dem Tod endet. Vielmehr glaube ich, dass die Liebe, aus der wir kommen, am Ende wieder auf uns wartet. Wie ein guter, liebender Vater.

Wie es Barlach in Holz gehauen hat: „Das Wiedersehen.“ Zwei Männer die sich, an den Armen haltend, gegenüber stehen. Der Eine, etwas gebeugt, schaut zum anderen auf. Der Andere hält ihn, sein Blick aber geht über den Anderen hinaus. Viel Unausgesprochenes liegt in den Blicken Beider. Manche verbinden mit der Plastik die biblische Geschichte „vom verlorenen Sohn“, die vielleicht besser die „vom barmherzigen Vater“ heißt.

Ich glaube an Gott, der wie der Vater entgegen kommt

Und ich glaube, dass dieser Vater jedem Menschen entgegen kommt. Vielleicht wird ihn nicht jeder erkennen. Manch einer wird ihn nicht sehen wollen. Mein Freund mit seinem „ambivalenten Verhältnis zu Gott“ wird nach ihm Ausschau halten. Vielen Menschen fällt es schwer, sich sicher zu sein, wie dieser Vater ist. Auch Menschen, die ein Leben lang versucht haben, Gott gefällig zu leben, Ihn in ihr Leben zu nehmen. Wenn es denen schon schwer fällt, dann kann ich mir vorstellen, wird vielleicht auch mein Freund Schwierigkeiten haben, Ihn zu erkennen. Vielleicht wird er einen Umweg nehmen, unbewusst einen Bogen um Ihn machen. Aber Er, das glaube ich, Er kommt ihm entgegen.

Bei der Beerdigung bitte ich die Anwesenden, so wie sie können und wollen, den Entgegenkommenden anzusprechen. Mit einer stillen Bitte um Ankommen, Geborgen sein und Erfüllung. Das ist auch Trost für die Zurückbleibenden.

Hinter meinen geschlossenen Lippen fülle ich das Schweigen:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.…

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 25.11.2018 gesendet.


Über den Autor Jens Daniel Schubert

Jens Daniel Schubert ist Theaterwissenschaftler und Journalist. Er ist verheiratet, Vater von vier Kindern und arbeitet als freier Autor. Er lebt mit seiner Familie in Dresden.

Kontakt
JensDaniel.Schubert@GermanyNet.de

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