Wort zum Tage, 26.11.2018

Wolfgang Drießen aus Saarbrücken

Obergrenzen

Ich soll an einer Umfrage teilnehmen und 10 Fragen zum Thema „Migration und Flüchtlinge“ per Kreuzchen schlicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Das ist gar nicht so einfach. Ein Beispiel:

„Sind Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen moralisch vertretbar? Ja oder Nein?“ Spontan sage ich „Nein“. Soll ich den, der links auf dem Schlauchboot sitzt, an Land holen und den, der rechts sitzt, wieder ins Wasser schieben? Moralisch gesehen geht das gar nicht. Also alle hinein ins Gelobte Land Deutschland. Moralisch gesehen gibt es da für mich keine Alternative. Dass es so trotzdem nicht geht, ist mir aber auch klar. Und schon bin ich in der Zwickmühle. Dann handeln wir als Gesellschaft und Staat unmoralisch, indem wir Flüchtlinge abweisen. Vielleicht könnte man ja diesem unmoralischen Handeln mit einem anderen, ganz moralischen Handeln zuvor kommen. Dazu muss ich jetzt ein wenig ausholen. Das Recht, sein Land zu verlassen und in einem anderen Land sein Glück zu suchen ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert (Artikel 13,2).  Die Kirchen mahnen die Bindung dieses Rechtes an die unbedingte Achtung der Menschenwürde an. Dem entgegen steht aber gleichzeitig die Souveränität der Nationalstaaten, über die Zuwanderung in ihr Territorium zu entscheiden. Da finde ich es interessant, was die Soziallehre der katholischen Kirche anmahnt: sie verweist auf die Bedeutung einer wirklichen Entscheidungsfreiheit. Noch vor dem Recht auszuwandern stehe das Recht jedes Menschen, gar nicht erst auswandern zu müssen, sondern in seiner eigenen Heimat zu leben. Zutiefst moralisch und vor allem nachhaltig, weil es an die Wurzeln des Übels geht, wäre es, genau dafür zu sorgen. Im Klartext heißt das z.B: undurchsichtige Waffenverkäufe in Bürgerkriegsländer endlich stoppen, die Ausbeutung der armen Länder beenden und auf Augenhöhe miteinander reden.

Ich weiß, dass das alles schneller gesagt als getan ist. Aber wir können das alles tatsächlich schaffen, wenn wir alle als mündige Bürger unsere Verantwortung ernst nehmen. Und wir dürfen auch keine Angst vor den Konsequenzen haben, die eine Welt in Solidarität untereinander mit sich bringt. Denn die werden wir ziehen müssen. Wir müssen unser Leben in manchen Bereichen ändern, um irgendwann wirklich gemeinsam auf dieser Erde zu leben und –so heißt es im Gebet der Vereinten Nationen- „damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen Mensch tragen.“ ( Gotteslob 20,1).


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 26.11.2018 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche