Am Sonntagmorgen, 02.12.2018

von Alfred Herrmann aus Berlin

Vom Nikolaus zum Weihnachtsmann – heidnische Sitten und christliche Bräuche

Autor
In drei Tagen heißt es wieder für Millionen von Kindern: die Winterstiefel gut geputzt vor die Wohnungstür; den schön verzierten Teller aufs Fensterbrett. Denn dann ist Nikolausabend. Dann lebt die Hoffnung, dass der Nikolaus in der Nacht heimlich, still und leise Stiefel und Teller reichlich bestückt. Wenn die Kinder am 6. Dezember morgens, gleich nach dem Aufwachen, Türen und Fenster öffnen, ist in der Regel die Freude groß.

Inmitten einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft leben zahlreiche Familien einen Brauch, der eigentlich an einen Heiligen des Christentums erinnert: an Nikolaus von Myra, einen Bischof aus dem vierten Jahrhundert. Doch statt des Heiligen mit Mitra und Stab steht vielen eine andere Figur vor Augen. So lassen sich am 6. Dezember in Fußgängerzonen Männer mit rotem Fellmantel und roter Zipfelmütze als Nikolaus ansprechen. Und in den meisten Nikolausstiefeln findet sich kein Bischof, sondern ein Schokoladenweihnachtsmann.

Autor
Vom heiligen Nikolaus wissen wir viel und doch recht wenig. Konkrete historische Zeugnisse vom Bischof aus Myra fehlen, was keine Seltenheit ist für eine Persönlichkeit aus dem vierten Jahrhundert. Sicher: da gibt es das aufgebrochene Grab in der Nikolaus-Basilika in Demre in der heutigen Türkei, dem ehemaligen Myra. Aus diesem Steinsarkophag entnahmen im Jahr 1087 Kaufleute aus Bari die Gebeine, um sie vor den anrückenden Seldschuken zu bewahren. Sie brachten sie in ihre italienische Heimatstadt, wo sie bis heute als die Gebeine des heiligen Nikolaus verehrt werden.

Nicht die historischen Fakten, sondern die zahlreichen Legenden prägen unser Bild vom heiligen Nikolaus. Die älteste erhaltene schriftliche Aufzeichnung stammt bereits aus dem ausgehenden fünften Jahrhundert. Danach müsste Nikolaus von Myra ab dem Jahr 270 in Kleinasien zur Welt gekommen und spätestens 365 in Myra verstorben sein. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelte sich ein reicher Legendenschatz, in dem sich einiges vermischte und etliches neu hinzukam, wie Professor Manfred Becker-Huberti erklärt. Der Brauchtumsforscher hat soeben ein neues Buch mit dem Titel „Heiliger Nikolaus. Geschichte – Legenden – Brauchtum“ veröffentlicht:

O-Ton Becker-Huberti
„Der historische Nikolaus lässt sich sehr schwer ausmachen. Der, den wir benennen, den Nikolaus von Myra, der ist verknüpft mit einem zweiten Nikolaus, einen Nikolaus von Sion, der 200 Jahre etwa später Abt eines Klosters war. Die beiden Legenden dieser Heiligen sind unentwirrbar miteinander verknüpft. Sie werden aber immer bezogen auf den Nikolaus von Myra.“

Autor
Haben wir es hier also weniger mit einer realen Person als mit einem Bild von einem Heiligen zu tun? Immerhin erlangten vor dem Weg des Christentums zur römischen Staatsreligion im vierten Jahrhundert vor allem Märtyrer Heiligkeit. Mit Nikolaus wurde nun ein Mann verehrt, der keinen gewaltsamen Tod starb, der aber vorbildlich gehandelt und bereits zu Lebzeiten übernatürliche Fähigkeiten besessen haben soll.

O-Ton Becker-Huberti
„Der Nikolaus ist jemand, der das, was er geglaubt hat, auch gelebt hat. Er ist dafür eingetreten, den Menschen zu helfen, für Gerechtigkeit zu sorgen und Menschen aus der Not zu helfen.“

Autor
Es ist die Wucht der Legenden, die für den rasanten Aufstieg des Heiligen Nikolaus in der byzantinischen und später in der römischen Kirche sorgten. Sie ließen den Bischof aus Myra auf dem Höhepunkt seiner Verbreitung zu einem „hyperhagios“, einem Überheiligen werden. Ihm werden Kräfte in den Legenden zugeschrieben, die ihn bereits zu Lebzeiten als übermenschliche Gestalt erscheinen lassen: Nikolaus zeigt sich in Träumen seiner Zeitgenossen; im stürmischen Meer rettet er Seeleute in Not, obwohl er sich doch eigentlich gerade in Myra aufhält. Er holt unschuldig Verurteilte aus dem Gefängnis, erweckt ermordete Schüler wieder zum Leben, vermehrt wundersam Getreide und verhindert damit eine Hungerkatastrophe. Er wird zum Patron der Kinder und Schüler, der Seemänner und Kaufleute, der Gefangenen und Diebe.

Sprecherin
„Ein verarmter aber vornehmer Mann konnte seine drei Töchter nicht ebenbürtig verheiraten. Darum beabsichtigte er, sie der Prostitution preiszugeben, um daraus seinen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der junge Nikolaus, der eben Erbe eines großen Vermögens geworden war, hörte davon. So warf er nachts dreimal einen Beutel voll Geld ins Haus der Verarmten. Jeder Beutel bildete die Mitgift für eine der Töchter und ermöglichte ihre Verheiratung. Beim dritten Mal holte der Vater den enteilenden Wohltäter ein und dankte ihm unter Tränen.“

Autor
Die Ausstattung der drei verarmten Jungfrauen aus der Legenda Aurea prägt bis heute einen unserer zentralen Nikolausbräuche. Wie in der Legende tritt der Heilige nicht persönlich in Erscheinung, sondern legt seine Gaben in die Stiefel und auf die Teller. In diesem Einlegebrauch zeigt sich eine besondere Dimension des Schenkens:

O-Ton Becker-Huberti
„Das heimliche Schenken imitiert das Schenken des Nikolaus, das in der Legende berichtet wird. Der Nikolaus wollte keinen persönlichen Ruhm, sondern er wollte helfen. Und er wollte hinter der Tat zurückstehen, das sollte nicht bekannt werden.“

Autor
Das Geschenk dient in dieser Art des Schenkens als Mittel, den Himmel zu öffnen, und einen Moment zu schaffen, in dem der Himmel die Erde berührt, erklärt Brauchtumsforscher Becker-Huberti.

O-Ton Becker-Huberti 
„Es verweist auf den, von dem alle Geschenke herkommen, der das Geschenk selbst ist. Und in dem Sinne ist es ja dann auch gewandelt, wenn das Schenken zu Weihnachten abwandert. Da ist es ursprünglich ja auch so, dass diese Geschenke dann von irgendjemand gebracht werden, der dann Christkind genannt wird. Aber dieses Christkind schenkt genauso wie der Nikolaus beim Einlegebrauch: Es tritt selbst nicht in Erscheinung.“

Autor
Die Verschiebung des Einlegebrauchs vom Nikolaustag auf Weihnachten geht auf Martin Luther zurück. Er konnte sich mit der Heiligenverehrung im katholischen Sinne nicht einverstanden geben, aber auf das Bescheren der Kinder wollte auch er nicht verzichten. So brachte die Reformation einen Schnitt im Brauchtum von Nikolaus- und Weihnachtsfest. Weihnachten, das heute unweigerlich für Geschenke steht, war bis dahin kein Bescherfest, sollte nun aber in den protestantischen Ländern eines werden.

Doch auch in den katholischen Regionen wandelte sich das Nikolausfest. Neben den Einlegebrauch trat der Einkehrbrauch. Der Nikolaus kam nun persönlich vorbei. Für Professor Becker-Huberti ist es das Konzil von Trient, das diese Neuerung brachte – zumindest indirekt. Es reagierte im 16. Jahrhundert auf die Reformation und führte die Visitation von Pfarreien durch den Bischof ein:

O-TonBecker-Huberti
„Der Einkehrbrauch nimmt den üblichen Auftritt eines Bischofs in einer Pfarrgemeinde auf und lässt den Nikolaus genau in dieser Form erscheinen, als einen Bischof, der nach dem Rechten sieht. Und das tut er eben dann in der Familie und den Kindern gegenüber. Und er hatte sein Wissen in einem goldenen Buch, das wurde im Laufe der Zeit ausgefalten
(entfaltet) in auch ein schwarzes, wo die bösen Taten drin standen. Und der Nikolaus belohnte die Guten und mahnte die Bösen.“

Autor
Der Volksbrauch entwickelte sich weiter, und zum Nikolaus gesellte sich ein Percht und damit ein echter Teufel. Knecht Ruprecht, in anderen Regionen auch Krampus, Hans Muff oder Swarte Piet genannt ist ein rauer, ungehobelter Mann. Den Kindern lehrte er das Fürchten und half auf diese Weise, das gute Wesen des heiligen Nikolaus hervorzuheben. Gleichzeitig verhalf der böse Knecht Ruprecht einer neuen Figur zum Leben, in dem er mit dem guten Nikolaus verschmolz: dem Weihnachtsmann.

O-Ton Klaus Kröger
„In Berlin ist es generell, also meines Erachtens, lockerer. Es ist nicht diese Angst vor dem Nikolaus oder dem Krampus, oder was ich so von Freunden aus den Alten Bundesländern gehört habe. Da war es auch manchmal ganz schön stressig, wenn der Nikolaus kam, weil da wurde immer gedroht mit: wenn der jetzt kommt und sagt, so und so und so, ist das gefährlich.“

Autor
Klaus Kröger, ein Meter 90 groß, Kugelbauch, naturweißes Haar und Vollbart, arbeitet als Weihnachtsmann. In seinem goldroten Samtanzug mit weißem Fellbesatz und Zipfelmütze sitzt er an den Adventswochenenden in einem Einkaufszentrum im Berliner Süden. Auf seinem Thron nimmt er Wunschzettel entgegen und lässt sich mit Klein und Groß fotografieren. An Heiligabend können ihn Familien für einen Hausbesuch buchen. Dann fragt er als Weihnachtsmann, wie anderswo der Nikolaus, ob die Kinder das Jahr über brav waren. Die Rute lässt er zu Hause, erkundigt sich aber vorher bei den Eltern…

O-Ton Kröger
„… wie alt sind die Kinder, was war letztes Jahr gut, was soll getadelt werden, oder was soll zumindest erwähnt werden. Es gibt eigentlich alles, was man sich vorstellen kann, von Nuckel abgeben bis halt manchmal auch ziemliche Probleme, manchmal auch in der Familie, dass zum Beispiel ein Elternteil krank ist oder auch Großeltern. Sie sind natürlich beim Tadeln betroffen, wenn ich irgendetwas sage mit etwas mehr Zwerchfelldruck, aber in der Regel eigentlich nicht.“

Autor
Der Weihnachtsmann hat mittlerweile in der Öffentlichkeit wie auch in vielen Familien das Amt des heimlichen Gabenbringers übernommen. Wie das Christkind bringt er die Geschenke still und leise durch den Kamin. Ebenso gehört zum Weihnachtsmann nun auch der traditionelle Einkehrbrauch. Wie der Nikolaus besucht er die zu bescherenden Kinder zu Hause mit Buch, Sack und Rute, allerdings an Heiligabend.

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert taucht der bärtige alte Mann auf: mal als Zeichnung „Herr Winter“ in Zeitschriften, mal im Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ von Hoffmann von Fallersleben, mal im Gedicht „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm. Das aufstrebende Bürgertum schaffte sich mit ihm einen eigenen Gabenbringer abseits von allem Religiösen: für die Kunstfigur bedient man sich am rauen Percht und am mal gütigen, mal strafenden Nikolaus der nachreformatorischen Wintervolksbräuche.

Fast zeitgleich entsteht eine ähnliche Figur in der Neuen Welt: in New York. Der bis heute in Holland hochgehaltene Bischof Nikolaus, der Sinterklaas, entwickelt sich im ehemaligen New Amsterdam zum bärtigen Alten mit altholländischer Tonpfeife: er wird zu Old Santa Claus und populär in den gesamten USA. 1931 entdeckte schließlich Coca Cola Santa Claus als Werbefigur. Die Kampagnen machten den knuffigen Alten mit roter Zipfelmütze weltweit bekannt. Klaus Kröger:

O-Ton Kröger
„In Berlin ist das vorrangige Kostüm der Weihnachtsmann also mit Mütze und in Rot. Die Person Nikolaus habe ich erst nach der Wende kennengelernt. Also bei Nikolaus, am 6., tauchten nur Geschenke im Stiefel auf. Aber den gab’s nicht als Person, nicht mit Krummstab, Mitra und Kasel.“

Autor
Mittlerweile hat sich der konfessionslose Weihnachtsmanndarsteller auch ein Nikolaus-Kostüm zugelegt, sprich Mitra, Bischofsstab und Chormantel. Damit geht Kröger am Nikolaustag in Kindergärten und Schulen. In diesem Jahr möchte er zum ersten Mal am 6. Dezember als echter Nikolaus im Einkaufszentrum auftreten:

O-Ton Kröger
„Weil ich einfach denke, dass diese historische Figur in ihrer Erscheinungsweise, also als Heiliger aus Myra in Berlin ein bisschen zu kurz kommt und nicht so gewürdigt wird, wie er gewürdigt werden sollte und viele wissen nicht, dass das ein Kind von reichen Eltern gewesen ist, und dass er halt gern gegeben hat aus seinem reichen Erbe. Das ist vielen nicht klar. Und ich finde gerade in den heutigen Zeiten, dass da so eine Figur auch wieder nach Berlin gehört.“

Autor
Ähnlich denkt auch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. Bereits seit über zehn Jahren macht sich das katholische Hilfswerk für den heiligen Nikolaus stark - mit der Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“. Die Kunstfigur Weihnachtsmann symbolisiere vor allem den maßlosen Konsum zum Geschenkefest. Der Mensch Nikolaus stehe dagegen für gelebte christliche Werte, betont Monsignore Georg Austen:

O-Ton Georg Austen
„Der Nikolaus ist sozusagen das Original, nicht ein Abziehbild oder eine Werbeikone, zu der der Weihnachtsmann immer mehr geworden ist. Er steht in der christlichen Tradition für Barmherzigkeit, für Güte, aber auch für Nächstenliebe und Ehrlichkeit. Wenn man in die Legenden hineinschaut, hat er immer Menschen geholfen. Ob das die jungen Mädchen gewesen sind, die von der Prostitution bedroht worden waren oder dem Schiffern und den Menschen damals in der Hungersnot. Und so möchten wir eben auch heute handeln: Wie können wir heute das umsetzen, heute sozusagen selbst ein Stück Nikolaus zu sein?“

Autor
Zum einen verbreitet das Bonifatiuswerk Schokoladenfiguren in Gestalt eines Bischofs für den guten Zweck, zum anderen ruft das Bonifatiuswerk unter dem Motto „Echt gut“ dazu auf, den Nikolaustag für soziale Aktionen zu nutzen - ganz im Sinne des Heiligen:

O-Ton Georg Austen
„Das ist eine Chance und Herausforderung für jeden persönlich. Ich glaube, das ist auch eine gute Möglichkeit dafür Bewusstseinsbildung in den Gemeinden, in Verbänden, in Schulen auch zu betreiben. Gerade am 6. Dezember können wir selbst Gutes tun, wo Menschen auch draußen sehen: wo gehört Glauben und Handeln zusammen.“

Autor
Viele kleine Initiativen gibt es bereits. So füllen die Schüler der Berliner Theresienschule jedes Jahr Socken mit süßen Gaben und kleinen Geschenken und verteilen Sie an Obdachlose und arme Menschen in der Suppenküche der Franziskaner. In Aachen engagieren sich Schüler der Domsing-Schule am 6. Dezember für Menschen in Not. Monsignore Austen:

O-Ton Georg Austen
„Die Weihnachtsmannfreie Zone möchte den Nikolaus stark machen, nach vorne bringen, und animieren selbst so etwas wie ein Nikolaus in der heutigen Zeit zu sein.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 02.12.2018 gesendet.


Über den Autor Alfred Herrmann

Alfred Herrmann arbeitet als freier Autor in Berlin. Zuvor war er Pressesprecher des „Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken“ in Paderborn sowie Redakteur für Kirche und Spiritualität bei der christlichen Wochenzeitung „Neue Bildpost“ in Hamm. Der 1972 in Würzburg geborene Herrmann studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Katholische Theologie in Berlin.
Kontakt
alfred_herrmann@hotmail.com

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche