Am Sonntagmorgen, 04.11.2018

von Dr. Johannes Uphus aus Hennef

Was eigentlich bedeutet beten?

Autor
Wenn mich jemand fragt, wofür ich arbeite, löst meine Antwort sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für eine Monatsschrift, die ums Beten geht: Manche können sich nicht vorstellen, dass das heute noch ein Thema ist. Andere bekennen, das höre sich interessant an, aber sie selbst hätten keinen Zugang dazu. So ist das Erstaunen manchmal groß, wenn ich sage, dass man in unserer Zeitschrift weniger über das Beten liest. Nein, sie ist ein Begleiter für das Gebet, wie ein Geländer, an dem man entlanggehen kann. Wenn ich dies mit Gesprächspartnern vertiefe, stellen sich drei grundlegende Fragen:

Warum beten Menschen heute noch?

Wie kann man Beten lernen? – Und:

Was passiert, wenn ich bete?

Das deutsche Wort „beten“ hat mit „bitten“ zu tun. So wird Beten normalerweise verstanden: Ich bitte Gott, mir bei diesem und jenem zu helfen, mir dies und das zu gewähren. Wie ein Kind, das einen Weihnachtswunschzettel schreibt. Die amerikanische Sängerin Janis Joplin hat das einmal ironisch auf die Spitze getrieben: „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz!“ – „Lieber Gott, bitte kauf mir nen Mercedes!“

Vielen Menschen liegt es deswegen fern zu beten. „Es kann doch nicht nur um meine Wünsche gehen!“ habe ich in Gesprächen mehrfach gehört. Andere zeigen sich enttäuscht, dass sie in wirklich dringenden Anliegen nicht erhört werden, wenn es etwa um die Genesung einer erkrankten Freundin oder Verwandten geht. In solchen Momenten spüre ich, wie ernst es manchen Menschen im Grunde mit dem Beten ist, auch wenn sie sich damit schwertun.
Um was es beim Beten geht, hat der evangelische Theologe Jürgen Moltmann einmal so gesagt:

Sprecher
Wenn wir beten, suchen wir nicht unsere eigenen Wünsche, sondern die Wirklichkeit Gottes und brechen aus dem Spiegelsaal unserer Wunsch- und Angstbilder aus, in denen wir gefangen sind. Wir erwachen aus den Erstarrungen und der Taubheit der Gefühle.

Jürgen Moltmann (ev. Theologe, *1926),

Autor
Mit der Wirklichkeit Gottes ist es für viele Menschen heutzutage keine so leichte Sache. Aber muss man denn glauben, um beten zu können? Ich meine, es ist schon viel, der eigenen Sehnsucht Raum zu geben, der Sehnsucht nach dem Unbedingten, oder nach einem Gegenüber, das mich überall hört. Im Beten kann diese Sehnsucht konkreten sprachlichen Ausdruck finden.

Autor
Der eigenen Hoffnung und Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, fällt vielen Menschen heute schwer. Sie sind das nicht gewohnt, sie haben keine Sprache dafür. Nun gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, wie man beten kann. Man kann sich Gebetskreisen anschließen oder sogar in Internet-Communities online beten. Ich möchte Ihnen einen uralten Weg vorstellen, der zu den Grundlagen der Kultur Europas gehört.

Es handelt sich ums Lesen der Psalmen. Psalmen, das sind poetische Gesänge aus Alt-Israel, genauer: aus der hebräischen Bibel, die wir Christen gewöhnlich „Altes Testament“ nennen. Jesus selbst hat mit den Psalmen gebetet, und so haben die Psalmen das christliche Beten von Anfang an geprägt. Aus ihnen lebt zum wesentlichen Teil das reiche Erbe der Gregorianik. Der Genfer Reformator Johannes Calvin hat sie ins Zentrum des Gemeindegesangs gestellt, und noch heute spielen sie in Gottesdienst und Kirchenmusik eine herausragende Rolle. 150 Psalmen sind gesammelt im Buch der Psalmen, eine Reihe weiterer findet sich verstreut über die ganze Bibel, sogar im Neuen Testament. Die Psalmen sind jüdisches Erbe, das die Christenheit von jeher wertschätzt.

Sprecher
Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke, *
Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter,

mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge, *
mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht.

Ich rufe: Der Herr sei gepriesen!,*
und ich werde vor meinen Feinden gerettet.

Ps 18, 2-4 – EÜ 1980, Antwortpsalm (Auszug) am 31. Sonntag im Jahreskreis B (04.11.2018)

Autor
Psalm 18, aus dem heute im katholischen Sonntagsgottesdienst gelesen wird, gibt ein Beispiel für das Vertrauen, das in den Psalmen vielfach zum Ausdruck kommt. „Ich will dich lieben!“ ruft das redende Ich seinem Gott zu, überhäuft ihn geradezu mit aussagestarken Bildern – „du mein Fels, meine Burg, mein Retter, mein Schild!“ Und dann folgt ein steiles Bekenntnis: „Ich rufe: Der Herr sei gepriesen!, und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Man höre und staune: Der Ausruf: „Der Herr sei gepriesen!“ reicht aus, um gerettet zu werden!

Das klingt zunächst unglaublich. Dennoch steckt Sinn dahinter. Das hat mit der inhaltlichen Tiefe des Wörtchens „preisen“ zu tun. Preisungen, Tehillim, heißen die Psalmen auf Hebräisch. Und das, obwohl mehr als die Hälfte Klagepsalmen sind. In den Psalmen wird jegliche Lebenssituation – Freude, Klage, Vertrauen, Sehnsucht – vor Gott getragen. Und das im Grundton des Preisens, der lobenden Anerkennung von Gottes treuer Fürsorge. 

Schon die Worte: „ich werde vor meinen Feinden gerettet“ deuten an: das Ich in Psalm 18 hat es mit Konflikten zu tun. Und die kommen in den Psalmen ausgiebig zur Sprache. Hören wir Psalm 13:

Sprecher
Wie lange noch, HERR, vergisst du mich ganz?

Wie lange noch verbirgst du dein Angesicht vor mir?

Wie lange noch muss ich Sorgen tragen in meiner Seele,

Kummer in meinem Herzen Tag für Tag?

Blick doch her, gib mir Antwort, HERR, mein Gott,

erleuchte meine Augen, damit ich nicht im Tod entschlafe,

damit meine Gegner nicht jubeln, weil ich wanke!

 (Ps 13, 2-5* – EÜ 2016)

Autor
Wieder ist da die Leidenschaft, die schon in Psalm 18 zu spüren war. Doch hier ist sie anders gefärbt, nicht überschwänglich jubelnd, sondern drängend, ja fordernd. Das Ich, das sich hier an Gott wendet, ist in Not. Es kann sich vor Sorgen nicht retten. Es sieht sich einem Gegner ausgesetzt, der es ins Wanken bringt und zu überwältigen droht.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, was genau das Ich von Gott erbittet. „Blick doch her, gib mir Antwort“, heißt es da, „erleuchte meine Augen“! Um Zuwendung geht es, ganz konkret, wie wenn ich ein menschliches Gegenüber vor mir habe. Das Ich des Psalms möchte sich von Gott angesehen fühlen, möchte eine Reaktion auf seine drängenden Fragen. Die Schlussverse bezeugen, dass sein Flehen nicht ins Leere gelaufen ist.

Sprecher
Ich aber habe auf deine Güte vertraut,

mein Herz soll über deine Hilfe jubeln.

Singen will ich dem HERRN, weil er mir Gutes getan hat.

(Ps 13, 6 – EÜ 2016)

Autor
Psalm 80 kleidet sogar einen Hilferuf des ganzen Volkes in den Wunsch, Gott möge sein Angesicht leuchten lassen. Der Psalm hält Gott vor, wie bedrängt sein Volk von seinen Nachbarn ist, und bestürmt ihn um Hilfe. Der entscheidende Vers wird dreimal in wachsender Intensität wiederholt. Die erste Stelle heißt: Gott, stelle uns wieder her! Lass dein Angesicht leuchten und wir sind gerettet! (Ps 80,4 (vgl. V. 8.20) – EÜ 2016)

Solche Redeweisen sind typisch für die Psalmen. Wenn das Ich, das Wir in den Psalmen sich an Gott wendet, erwartet es ganz klar eine Reaktion. Es ist gewiss: Gott schaut mich an, Gott antwortet. Und das gilt sogar für das Volk bzw. die betende Gemeinde.

Was auf den ersten Blick vielleicht erstaunt, hat auf den zweiten mit der existenziellen Tiefendimension des Menschseins zu tun, mit unserem Person-Sein, unserer Beziehungsfähigkeit. Der biblische Beter nimmt in den Psalmen Kontakt zu seinem Gott auf, wie wir es mit einem vertrauten Gesprächspartner tun. Da hat alles Platz, was uns bewegt, und das biblische Ich ist gewiss, nicht nur Gehör zu finden, sondern auch Antwort zu bekommen.

Eine Antwort, die ihrerseits selbstverständlich in Form von Äußerungen erwartet wird, wie sie unter Menschen üblich sind. Im Horizont der Psalmen antwortet Gott, indem er handelt. Das heißt ganz konkret: indem er der Person, die zu ihm ruft, Schutz gewährt, Mut macht, Wege aus der Notlage bahnt. Oder indem er – das ist für mich zentral – den Menschen seine Zuwendung spüren lässt, wie dies Menschen untereinander tun.

Aufforderungen wie: „Lass dein Angesicht leuchten, dann sind wir gerettet“ zeigen, welche aufbauende Kraft ein freundlich zugewandtes Gesicht entfalten kann. Ich deute diese biblische Redeweise so: Wenn mich jemand in einer Notlage freundlich ansieht und mir die Hand reicht, liegt Gottes eigene Kraft darin.

Ich kann aber auch in der Wirklichkeit, die mich umgibt, solche zugewandten Gesten Gottes entdecken. Wenn etwa die Sonne an einem bedeckten Tag unversehens durch die Wolken bricht, kann sich das für mich so anfühlen, als wende mir Gott sein leuchtendes Antlitz zu. Wichtig ist, wie ich meine Umwelt wahrnehme, ob sie für mich überhaupt der Raum sein kann, in dem Gott mit mir Kontakt aufnehmen will.

Autor
Wer noch keinen Zugang zum Beten gefunden hat, könnte es mit dem Lesen der Psalmen versuchen. Das heißt nicht, sich selbst einfach mit dem Ich der Psalmen zu identifizieren. Denn damit kommt man an Grenzen, etwa wenn die eigene Verlassenheit beklagt wird, obwohl man sich gut fühlt. Oder wenn den Gegnern Unheil an den Hals gewünscht wird. Eher nimmt man die Psalmen mit auf den Weg und beginnt, mit ihnen das eigene Beten zu üben. Einen solchen offenen Zugang empfiehlt der Alttestamentler und Kirchenmusiker Joachim Vette:

Sprecher
Wer in den Psalmen fertige Antworten sucht, wird enttäuscht. Stattdessen erklingt in dieser Sammlung ein großer polyfoner Chor an Stimmen, die in unterschiedlicher Weise mit Gott, mit der Welt und mit sich selbst ringen. In diesen Stimmen erkennen wir uns manchmal selbst, manchmal widersprechen wir ihnen und oft können wir von ihnen lernen. … Mit seinen Beispielstimmen wird der Psalter zur Stimmbildung für alle, die die Texte mitsprechen und -singen.

Manfred Oeming, Joachim Vette, Das Buch der Psalmen, Bd. 3: Psalm 90–151 (Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament 13/3), Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2016, 278.285)

Autor
Beim aufmerksamen, „hörenden“ Lesen der Psalmen kann ich darauf achten, welche Stimmen mich besonders berühren, was sie in mir auslösen. Manchmal spricht mir der Psalm aus dem Herzen, sodass ich mich ganz hineingeben kann. Doch auch Worte, die mir quer kommen, können mir Wichtiges mitteilen. Vielleicht nehme ich hier und da etwas wahr, das sich wie Gottes Wort an mich anfühlt, das in meine aktuelle Situation hereinspricht.

Die Psalmen drängen ins Leben. Sie wollen wieder und wieder gelesen, gehört, gekaut sein. Mitunter kann ich merken: Moment, jetzt spreche ich auf einmal nicht mehr ins Leere, irgendwas ist da doch. Vielleicht prägen sich mir die großen Sehnsuchtslieder unter den Psalmen ein, sodass ich auflebe, wenn ich sie nur vor Augen habe. „Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele. Nach dir schmachtet mein Fleisch wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Ps 63,2) Umgekehrt kann mir in schwieriger Lage ein Klagepsalm weiterhelfen, der mich aufrichtet: „Zu dir, HERR, habe ich geschrien, ich sagte: Du bist meine Zuflucht, mein Anteil im Land der Lebenden. Vernimm doch meinen Notschrei, denn ich bin tief erniedrigt.“ (Ps 142,6f)

In solchen Augenblicken kann sich für mich das erfüllen, was im Buch Deuteronomium verheißen ist: „Wenn du in Not bist, werden alle diese Worte dich finden.“ (Dtn 4,30 – EÜ 2016)

Kommunikation mit Gott – so bringe ich gern auf den Punkt, was Beten ist. Vor ihn tragen, was mich umtreibt oder ärgert, was mir schwer auf den Schultern lastet. Beten heißt, Gott den Sack vor die Füße werfen, soll Martin Luther gesagt haben.

Beten heißt auch: Der Freude Raum geben. Auf die großen Momente antworten, Dank sagen. In eine offene Haltung finden. Bereit sein, Gott auch da zu begegnen, wo ich ihn nie erwartet hätte. Kurz: Wenn ich bete, trete ich in Beziehung. Ich lerne sehen und äußern, was in mir vorgeht, und kann aufmerksam werden auf das, was von außen auf mich zukommt. Das wirkt sich aus – auch auf die Art, wie ich mit Menschen umgehe.  

Insofern heißt beten auch: in eine Gemeinschaft eintreten. Nicht nur, weil ungezählte Menschen tagaus, tagein mit mir beten. Sondern weil ich erfahren kann, dass ich ein unvertretbarer Teil des Ganzen bin: Indem ich mich öffne und bereit werde, in Beziehung zu treten, lerne ich sehen, wer mich braucht und was zu tun ist. Das ist viel eher ein Geschenk, das mich in die Weite zieht, als eine lästige Pflicht, die mich einschränkt.

Wenn ich bete, bin ich nicht allein. Viele stehen an meiner Seite, Christen und Angehörige anderer Religionen. Wer diese Verbundenheit erlebt, dem können Mut und Hoffnung wachsen. Eine rabbinische Weisheit bringt das herrlich auf den Punkt. Der Alttestamentler Erich Zenger hat sie seinem wegweisenden Psalmenbuch vorangestellt: „Erwartet keine Wunder, sondern rezitiert Psalmen.“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 04.11.2018 gesendet.


Über den Autor Johannes Uphus

Dr. Johannes Bernhard Uphus, geboren 1966 in Neuss, hat in Bonn Klassische Philologie und Katholische Theologie studiert. Nach zehnjähriger wissenschaftlicher Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Konziliengeschichte und Promotion im Fach Dogmatik wandte er sich dem Themengebiet liturgische Bildung und Spiritualität zu. Er leitet die Redaktion der Monatsschrift Magnificat. Das Stundenbuch und hat die Initiative Ökumenisches Stundengebet mit gegründet. Er setzt sich ein für die Vermittlung einer tragfähigen Spiritualität durch Stundengebet, Pilgern und Kontemplation. Sein besonderes Interesse gilt dem interreligiösen Dialog und dem Prozess der europäischen Einigung. Kontakt
j.b.uphus@t-online.de