Wort zum Tage, 20.10.2018

Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

Family Dinner Project

Zugegeben: die Mahlzeiten bei uns in der Familie machen momentan wirklich keinen Spaß. Wir haben zwei kleine Kinder. In Ruhe essen und sich dabei unterhalten ist unmöglich. Entweder einer schreit, weil er noch nichts hat, das Essen zu heiß ist. Oder sie hat jetzt gerade keinen Hunger und das Duplo-Haus muss erst noch fertig gebaut werden. Und wenn dann alle sitzen, kommt als erstes die Frage: „Was gibt es heute? Und wenn ich das nicht mag?“ Na prima.

Mein Mann und ich rüsten uns innerlich vor jeder Mahlzeit und versuchen es so gelassen wie möglich zu nehmen. Und sind dann umso überraschter, wenn es doch eine Mahlzeit gibt, die richtig Spaß macht. Alle essen mit Appetit, es ist einigermaßen ruhig und wir können uns sogar über den Tag unterhalten. Und genau das ist uns wichtig. Das sind echte Sternstunden und wir genießen das.

Egal, ob es gerade anstrengend ist oder nicht, unsere Regel ist: es müssen zum Essen immer alle am Tisch sitzen. Da führt kein Weg dran vorbei. Eine Mahlzeit am Tag schaffen wir immer zusammen. Manchmal sogar zwei oder alle drei. Das ist super für uns und nicht selbstverständlich.

In Amerika ist gerade ein neues Projekt zu diesem Thema gestartet worden, das „Family Dinner Project“. Forscher der Universität Harvard haben herausgefunden, dass Kinder, die einmal am Tag gemeinsam mit der ganzen Familie essen, mehr Selbstvertrauen haben. Sie sind besser in der Schule und haben weniger Probleme mit dem Gewicht. Und bezogen auf die gesamte Gesellschaft haben sie festgestellt, dass diese Kinder im Schnitt weniger Drogenprobleme oder Depressionen haben.

Das Family Dinner Project soll auch wachrütteln. In den USA werden 70% aller Mahlzeiten nicht zu Hause eingenommen. 20% sogar im Auto. Viele Familien essen nie gemeinsam zu Hause. Zu Hause essen geht dort ganz allgemein zurück. Wenn man sich in Amerika mit Freunden trifft, dann eher in einem Restaurant.

Ich finde das interessant und erschreckend zugleich. Ich weiß, dass Eltern in den USA gleich wieder arbeiten gehen müssen. Dass es so ein Konzept wie längere Elternzeit gar nicht gibt. Aber das kann nicht der einzige Grund sein. Das ist ja in anderen Ländern auch so. Da wird aber trotzdem gemeinsam gegessen. Frankreich ist so ein Beispiel.

Mir macht das Projekt bewusst, wie sinnvoll es ist, miteinander zu essen. Und sei es noch so anstrengend. Aber es bringt allen was, auch auf lange Sicht. Und wenn es nur ist, sich einmal am Tag bewusst zu sehen und zu erzählen, wie der Tag so ist oder war.

Das Family Dinner Project bietet auch ganz praktische Unterstützung an. Ich kann einen Newsletter abonnieren. Dann kriege ich täglich einen Rezeptvorschlag für das gemeinsame Essen, Gesprächsideen und Spielvorschläge für die Mahlzeit. Ein Spielvorschlag ist zum Beispiel das Grimassen schneiden. Jede und jeder zeigt seine liebste Grimasse am Tisch. Das ist doch klasse und vielleicht wirklich ein Neustart in Sachen gemeinsames Essen.


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Dieser Beitrag wurde am 20.10.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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