Wort zum Tage, 19.10.2018

Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

Mathilde und der Tod

Meine Tochter Mathilde ist vier. Und im Moment beschäftigt sie das Thema Tod. Nicht immer, aber immer mal wieder kommt es. Vor allem abends beim ins Bett bringen.

Angefangen hat alles damit, dass ihr Uropa letztes Jahr gestorben ist. Sie hat ihn im Sarg gesehen, war mit zur Beerdigung und hat natürlich voll mitgekriegt, dass wir alle traurig waren. Dann sind wir im Sommerurlaub um eine kleine Kirche rumgelaufen. Direkt über den Friedhof. Da war ein Grab von einem kleinen Jungen mit Foto. Das hat sie natürlich sofort entdeckt und auch verstanden: das ist ein Kind.

Es hat sie nicht losgelassen. Auf dem ganzen Weg zurück nach Hause hat sie meine Hand festgehalten und war ganz ruhig. Irgendwann sind dann die Fragen gekommen: Wie alt war der Junge? Muss ich auch sterben? Hat der Junge im Himmel auch einen Körper, wenn der doch da im Grab ist? Kann ich da im Himmel auch spielen?

Puh. Ganz schön schwierig. Abends kommen dann die richtigen Hämmer: „Mama, ich will nicht als Kind sterben. Dann bin ich ja ganz alleine im Himmel. Und was macht ihr dann? Muss ich mir da eine neue Mama suchen?“ Ich stehe heulend am Bett.

Kindererziehung ist echt herausfordernd. Ich erzähle ihr, wie ich mir das vorstelle nach dem Tod. Dass es bei Gott für jeden ganz schön ist und genau so, wie ich es mir wünsche. Ich glaube, ich weiß dann alles und kann alles verstehen, was in meinem Leben so war. Und ich glaube, dass wir uns wiedersehen oder uns erkennen, wenn wir alle tot sind. Keine Ahnung, in welcher Form.

Ich sage ihr aber auch, dass ich es nicht sicher weiß, weil ich ja noch nicht tot war. Und ich kann ihr natürlich nicht versprechen, dass sie nicht als Kind stirbt. Schrecklich, das nur zu denken. Aber ich weiß es ja einfach nicht. Und ihr das zu verschweigen, wäre für mich falsch.

So geht das drei oder vier Abende. Dann ist das Thema nicht mehr so groß.

Vor zwei Wochen ist die Mama einer Freundin gestorben. Mathilde kommt runter und sieht, dass ich weine. Ich erzähle ihr, dass Irmgard tot ist. Darauf sagt sie zu mir: „Aber Mama, Du musst doch nicht traurig sein. Irmgard ist doch jetzt bei Gott. Und der ist viel lieber als wir alle.“ Bingo, denke ich und staune über so kleine Menschen mit so großen Gedanken. Mathilde hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, mit Kindern ehrlich auch schwierige Themen zu besprechen. Dass es ok ist, wenn wir traurig sind. Ich muss es ihr nur erklären. So gut ich es eben kann. Und so, wie ich denke, dass es richtig ist.

Kinder können mit dem Tod umgehen. Ich glaube, viel leichter und ehrlicher als wir Erwachsenen. Ich muss sie nur lassen und sie mit ihren Fragen und Gedanken ernst nehmen. Dann kann ich sie stärken, gerade bei diesem schweren Thema Tod.

Mathilde scheint irgendwie über die ganze Zeit Sicherheit gewonnen zu haben. „Irmgard geht es jetzt gut. Gott ist doch viel lieber als wir alle“.

Ich weiß, es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Aber für mich ist klar, dass dieser Weg für sie und uns der richtige ist.


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Dieser Beitrag wurde am 19.10.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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