Wort zum Tage, 16.10.2018

Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

Missbrauch

Sie sind raus die Zahlen und Fakten zum Thema Missbrauch in der Katholischen Kirche. In mehr als 3600 Fällen ist überwiegend männlichen Kindern und Jugendlichen von Priestern das Schlimmste angetan worden, das ich mir vorstellen kann. In einem Zeitraum von 70 Jahren. Und dann sind die Taten in vielen Fällen systematisch vertuscht und Akten sogar vernichtet worden. Eine doppelte Klatsche.

Ich schäme mich. Weil ich in diesem Laden arbeite. Weil ich mit der Kirche verbunden bin. Weil in meiner Kirche sowas passiert ist und immer noch passiert. Weil es gerade da passiert, wo es Kindern, Jugendlichen, wo es allen einfach gut gehen soll.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat dazu gesagt: „Missbrauch pervertiert die Botschaft Christi.“ So sehe ich das auch. Manchmal wünsche ich mir, Jesus würde mal schnell vorbeikommen und auf den Tisch hauen. Erklären und zeigen, was er gemeint und wie er gelebt hat. Wie er echt und ehrlich mit Menschen umgegangen ist. Er hat sie gesehen, hat zugehört, geheilt und geholfen und viele wieder zurück ins soziale Leben geholt. Missbrauch pervertiert genau das.

Mir gehen momentan so viele Gedanken durch den Kopf. Die Opfer. Ihr Leben ist gezeichnet. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es denen geht. Was sie durchleben und durchleiden. Aber ich denke an sie und hoffe, dass sie Menschen an ihrer Seite finden, die unterstützen und helfen. Damit sie irgendwann ihr Leben so leben können, wie sie es sich wünschen. Mit dem, was ihnen angetan worden ist.

Ich denke auch an die Täter. Und an die Mittäter, die alles dafür getan haben, dass der Missbrauch nicht bekannt wird. Die Priester einfach versetzt haben ohne weitere Konsequenzen. Ich hoffe, dass sie alle zur Rechenschaft gezogen werden. Dass sie Verantwortung übernehmen für das, was sie getan haben. Vor allem wünsche ich mir, dass sie sich damit auseinandersetzen, was da passiert ist und wie viele Leben sie zerstört haben.

Ich denke an alle, die in der katholischen Kirche leben, sich engagieren, arbeiten, die sich als gläubige Christen bezeichnen. Sie, und ich schließe mich ein, wir - werden in Frage gestellt, sogar angefeindet. Dann stehe ich da und bin wütend und schäme mich. Etwas dazu sagen oder sogar Fragen beantworten kann ich nicht. Ich kann und will das nicht erklären. Und ich kann und will die Kirche in dem Punkt auch nicht in Schutz nehmen.

Es ist Zeit, dass die Kirche sich grundsätzlich verändert. Ich glaube, die so sehr auf Kleriker ausgerichtete und geschlossene Struktur muss aufgebrochen werden. Es muss sowas wie Qualitätsmanagement her. Leute, die unabhängig gucken, wie es läuft. Und dann ist da natürlich die Frage nach der Sexualität. Ich denke, es ist ein offener und ehrlicherer Umgang nötig.

Ich hoffe darauf, dass endlich Strukturen geschaffen werden, die Missbrauch unmöglich machen. Dass Gott für viele eine Kraftquelle sein kann, gerade für die Opfer. Und ich hoffe, dass endlich verstanden und umgesetzt wird, was Jesus von Nazareth für die Menschen wollte: eine Gemeinschaft, in der sich alle vertrauen und Gott begegnen. Eine Gemeinschaft, die dafür sorgt, dass es uns Menschen gut geht.


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Dieser Beitrag wurde am 16.10.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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