Morgenandacht, 13.10.2018

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Was ein Wort zählt (Mt 21, 28 – 32)

Was zählt schon ein Wort?! Worte sind schnell gesagt. Mit einem Wort kann ich den Kopf aus der Schlinge ziehen. Mit Worten kann ich mich binden oder freikaufen. Worte können ins Engagement führen oder Fluchtwege eröffnen, wenn ich mich „herausrede“.

„Ich werde verfolgt. Da mache ich einen Satz, und entkomme.“ So bringt das der Dichter Arnfried Astel auf den Punkt. Er spielt dabei mit dem Wort „Satz“. Denn „einen Satz machen“ kann ich, das ist das Nächstliegende, mit Worten – ich kann es aber auch mit den Beinen: einen großen Sprung machen – und ich bin aus der Gefahrenzone heraus. Das kostet nicht viel! Ein Satz, ein paar Worte – und ich bin – zumindest vorerst – aus dem Schneider.

So macht es auch der junge Mann in einem Gleichnis, das Jesus erzählt. Sein Vater fordert ihn auf: „Geh, arbeite heute im Weinberg.“ Der hat aber keine Lust dazu. Trotzdem sagt er: „Ja, mach ich!“ – tut’s aber nicht. Die Worte sind leicht gesagt, sie ersparen ihm lästige Diskussionen. Aber er löst sie nicht ein. Er geht nicht in den Weinberg. Auf sein „ja“-Wort ist kein Verlass.

Von solchen Worten gibt es zu viele in der Welt. „Ja, ja, mach ich!“ Aber es geschieht nichts. Geradezu sprichwörtlich sind die Luftblasen von Wahlversprechen. Man verspricht den Menschen das Blaue vom Himmel. Man braucht ja ihre Stimmen. Doch ist die Wahl gelaufen, vergisst man dieses, unterlässt jenes – und findet, darauf angesprochen, garantiert die entsprechenden Ausreden – Worte, mit denen man entkommt.

An solchen Worten fehlt es auch unter Christen nicht. Viele beten im Vaterunser: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Mutige Worte! Doch wenn es ernst wird: Wer vergibt dem, der an ihm schuldig geworden ist?  Lieber zahle ich es ihm heim.

Christen und ihre Worte! Viele bekennen vollmundig: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten“ – aber im Alltag merkt man nichts von ihrer Überzeugung. Christen bekennen mit Worten: „Ich glaube an den Heiligen Geist“, der wirkt und die Welt verändern kann. Aber wenn es ernst wird, vertrauen viele mehr ihren eigenen begrenzten Möglichkeiten als dem Wehen des Geistes.

Auf den Punkt gebracht heißt das: „Ja sagen, aber nein leben“. 

Dieses Spannungsfeld zieht sich durch die Geschichte der Kirche. Die einen haben mehr auf das Wort vertraut, das wirkt, auch ohne das Zutun und das Engagement des Menschen. Die anderen haben die Glaubenstat, die sogenannte „gute Tat“ gefordert – nicht zuletzt, um sich damit den Himmel zu erkaufen.

Gott sei Dank haben wir diese Einseitigkeiten inzwischen überwunden. Unsere Herausforderung in der evangelischen wie in der katholischen Kirche ist die Glaubwürdigkeit, dass Worte und Taten des Glaubens sich die Hand reichen. Heinz Zahrnt, der große evangelische Theologe, hat es einmal so formuliert: „Es ist nicht entscheidend, dass unsere Abhandlungen über den Glauben stimmen, sondern unsere Handlungen aus dem Glauben.“ 

Jesus erzählt in seinem Weinberg-Gleichnis noch von einem zweiten Sohn. Auch bei ihm klaffen Worte und Taten auseinander. Er sagt: „Ich will nicht!“ Doch dann geht er trotzdem in den Weinberg. Seine Taten sagen „ja“. Ich finde ihn wieder in vielen Christen, die mit dem Glauben und oft noch mehr mit der Kirche ihre Probleme haben, die darum „nein“ sagen. Schaue ich mir aber ihr Leben an, dann zeigt sich viel „Ja“ zu Gott und zum Glauben: mancher betet unauffällig in der Stille, ein anderer hilft seinen Nachbarn, ein dritter engagiert sich für Gerechtigkeit im Betrieb.  Sie oder er lebt christliche Werte, auch wenn der Mund schweigt oder nein sagt. Das Ideal bleibt: Worte und Leben sollten übereinstimmen. Trotzdem will ich nicht übersehen, dass der Glaube auch dort lebt, wo der Mund sich oft nicht zu einem „Ja“ durchringen kann.

Wie sagt im Vorspiel zu Goethes Faust der Theaterdirektor? „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich nun endlich Taten sehen!“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Frau Dr. Silvia Katharina Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 13.10.2018 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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