Morgenandacht, 12.10.2018

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

"Wenn wir gewinnen, singen wir" (Eph 5, 15 – 20)

„Wenn wir gewinnen, singen wir.“ Ein Fußballfan, vom Reporter darauf angesprochen, sagte diesen Satz. Das Stadion ist mit 60.000 Fans gefüllt – die Heimmannschaft schießt ein Tor und das ganze Stadion singt: „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“ Noch auf dem „nach-Hause-Weg“ füllt ihr Gesang die U-Bahnstationen und die übervollen Züge. Freude pur bricht sich Bahn im Gesang.

„Wenn wir gewinnen, singen wir.“

Es gibt aber auch die andere Erfahrung: „Wenn wir singen, gewinnen wir“. Ein Publikum singt die Mannschaft zum Sieg. Das Publikum bäumt sich auf und singt – und reißt singend die Mannschaft mit. Das ist der Vorteil der Heimspiele, dass die Zuschauer ihre Mannschaft zum Sieg singen können. So stimmen beide Sätze: „Wenn wir gewinnen, singen wir“ – aber auch: „Wenn wir singen, gewinnen wir.

Singende Menschen sind oft auf der Gewinnerseite. Sie gewinnen Freude, Lebensmut, Vertrauen, gute Laune; sie gewinnen Freunde, denn „wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“.

Und noch etwas kann das Singen: es kann trösten! Das Leid kennt ja Gefühle und Erfahrungen, die kaum in Worte zu fassen sind. Da verstummen die Worte. Bei Trauerfeiern wirken die Worte von Rednern deshalb auch oft unbeholfen, manchmal deplatziert, weil einfach die richtigen Worte fehlen. Darum leben gerade auch diese Feiern von der Musik, die auffangen kann, was sich den Worten entzieht.

„Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ sagt Victor Hugo, der französische Dichter. Wie tut sie das? Sie tut es in Dur und in Moll, in den unterschiedlichen Tonarten. Sie tut es laut und auch ganz leise, langsam und schnell. Und selbst das Verstummen, die Pause, spielt eine wichtige Rolle in der Musik. So kann sie die Seele zum Ausdruck zu bringen. Die einfachsten Möglichkeiten für das Erfrischende des Lebens sind die Dur-Tonarten, während die Moll-Tonarten eher das Schmerzliche zum Klingen bringen.

Dass bei solchen Ausdrucksmöglichkeiten die Musik im Gottesdienst nicht fehlen darf, liegt auf der Hand. Im Gottesdienst feiern Christen das Geheimnis ihres Glaubens, ein Geheimnis, das in Worten nach Deutung sucht, ein Geheimnis, nach dem das Schweigen tastet, ein Geheimnis, das die Musik berührt, „weil sie auszudrücken vermag, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Darum lädt Paulus ein: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn.“

Der Gottesdienst ist ja eine Feier. Wo Menschen feiern, singen sie. Bei fröhlichen Festen darf die Musik so wenig fehlen wie bei Trauerfeiern, gibt doch die Musik dem Menschen die Möglichkeit, auszudrücken, was er nicht in Worte gefasst bekommt. So ist es nicht verwunderlich, dass der Raum des Sakralen und der Liturgie eine unerschöpfliche Quelle von Musik ist. Gottesdienst und Gottesgeheimnis brauchen die Musik.

„Wer nicht Gefallen hat an solch lieblich Wunderwerk, wie Musik eins ist, das muss ein rechter Ochs sein!“ So Martin Luther in seiner unmissverständlichen und anschaulichen Sprache. Goethe drückt das etwas vornehmer aus: „Wer Musik nicht liebt, verdient nicht, ein Mensch genannt zu werden; wer sie liebt, ist ein halber Mensch, wer sie aber treibt, der ist ein ganzer Mensch.“ 

Ja, Musik und insbesondere das Singen hat es mit dem ganzen Menschen zu tun, spricht sie doch nicht nur den Verstand des Menschen an, sondern auch sein Gemüt.

Kein Wunder, dass mancher die Musik „Sprache der Engel“ nennt. Schmunzelnd erinnere ich mich dabei an den Seufzer eines begeisterten Musikhörers: „Himmlisch!“ Musik bringt halt ein Stückchen Himmel in unseren Alltag.

Auf jeden Fall ist Musik in der Lage, Wirklichkeiten zum Ausdruck zu bringen, die das Wort allein nicht aussagen kann. Ja, beide Sätze stimmen: „Wenn wir gewinnen, singen wir“ – „Wenn wir singen, gewinnen wir.“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Frau Dr. Silvia Katharina Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 12.10.2018 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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