Morgenandacht, 11.10.2018

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Schatz und Perle (Mt 13,44-46)

In einem Acker ist ein Schatz vergraben. Dieses Bild wählt Jesus, um etwas über das Himmelreich anschaulich zu machen. Ich wähle dieses Bild gern für Paare, denen ich die Trauungspredigt halte, denn es spricht die Sprache von Liebenden: „Schatz“ – das ist einer der verbreitetsten Kosenamen, mit dem Verliebte sich anreden. „Du bist ein Schatz!“, flüstert er ihr ins Ohr. „Danke, Schatz!“, strahlt sie ihn an. Verliebte wissen: der andere ist ein ganz wertvoller, einmaliger Schatz. Für ihn gebe ich alles her.

Märchen und Sagen erzählen oft von Schatzsuchern. Sie riskieren Abenteuer, um den Schatz aufzuspüren. Das kostet Mühe. Gleichzeitig macht es deutlich, wie wertvoll dir dieser Schatz ist. Ein Fest, wenn du ihn findest!

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, vergraben in einem Acker. So greift Jesus dieses Bild auf: Ein Mann verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker – und mit ihm den Schatz. Die gängige Deutung dieses Bildes ist folgende: Es lohnt sich, alles daranzusetzen, diesen Schatz zu gewinnen. Wenn mir dieser Schatz wertvoll ist, ist mir nichts zu teuer, um ihn zu heben. Doch genau das bringt viele ins Grübeln: Für das Himmelreich alles drangeben, alles, was ich habe?! Das geht doch wohl ein bisschen sehr weit! Ich bin ja bereit, vielleicht am Sonntag eine Stunde für Gott einzusetzen, ich bin bereit, gelegentlich ein Gebet zu sprechen, ja, manchmal gehe ich sogar in eine Kirche, wenn sie gerade am Weg liegt. Aber alles drangeben?

Dies auf den ersten Blick beeindruckende Gleichnis stellt eine Herausforderung dar, der sich viele nicht gewachsen fühlen, auch nicht die Gutwilligen. Gilt es nur für wenige Auserwählte? Vielleicht. Offensichtlich wird hier ein Ideal beschrieben, dem ich mich annähern kann, das ich aber nie erreiche.

Versuchen wir es einmal anders: Es muss ja nicht das Himmelreich der Schatz sein. Wie wäre es denn damit: Der Schatz, von dem die Rede ist, bin ich, ist jeder. Und nun ist es im Himmelreich so: Gott ist der Schatzsucher. Gott ist ganz verliebt in seinen Schatz, Gott hat Sehnsucht nach diesem Schatz – mit den Worten des Philipperbriefs – etwas frei übersetzt: Er hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein, er ließ sein Gottsein los, wurde ein Mensch, um in meine Nähe zu kommen: in die Nähe seines Schatzes. Dafür ist ihm kein Preis zu hoch. So wertvoll bin ich für ihn.

Ich – Gottes Schatz? Ich soll so wichtig für Gott sein, dass er für mich seinen Himmel aufgibt, um ganz in meiner Nähe zu sein? Unmöglich!

Wirklich? Aber genau das ist doch die Botschaft dieses Gleichnisses! Christen jedenfalls bekennen in der Mitte ihres Glaubensbekenntnisses: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herabgestiegen.“ Noch konkreter in der „Ich“-Form: „Für mich und zu meinem Heil ist er vom Himmel herabgestiegen!“

Verstehe ich das Evangelium in dieser Rollenverteilung – und nichts spricht dagegen! –, dann wird es zu einer Liebeserklärung Gottes an mich, den Menschen. Es sagt mir zu, dass ich Gottes große Liebe bin, dass er sich zerreißt, um in meine Nähe zu kommen, dass er glücklich ist, wenn er mich findet. Und das ist nun wahrhaftig eine Botschaft, die niemanden überfordert. Für Gott gibt es keine Überforderung – und mich lieben lassen, einfach nur zulassen und vertrauen, dass Gott mich liebt, das muss mich auch nicht überfordern.

So kann dieses Evangelium, das mich auf den ersten Blick zu überfordern scheint, bei einem etwas anderen Blickwinkel meinem Leben und meinem Glauben Flügel verleihen. Es sagt mir zu, dass ich ohne Wenn und Aber in Gottes Liebe stehe. Da kann ich nicht herausfallen. Lasse ich mich darauf ein, kann in mir das Zutrauen wachsen, das Leben zu wagen; ja, das kann mein Leben beflügeln, wie es das Psalmwort betet: „Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18,30)

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Frau Dr. Silvia Katharina Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 11.10.2018 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de