Morgenandacht, 10.10.2018

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Wir leben von der Großherzigkeit (Mt 18, 21 – 35)

Wir leben von der Großherzigkeit anderer. Wir leben davon, dass andere uns mehr geben, als sie zurückverlangen. Wir leben von Menschen, die nach der Devise leben: „Geben ist seliger als nehmen!“

Keiner von uns wäre auf der Welt, wenn unsere Eltern nicht großherzig auf vieles verzichtet hätten, damit wir ins Leben kommen und hineinwachsen konnten. Wir haben hoffentlich wenigstens den einen oder anderen Freund, der uns Zuneigung schenkt, ein freundliches Wort, eine Aufmunterung. Und Freunde schenken das großherzig, ohne etwas dafür zu erwarten.

Nicht zuletzt leben wir von der Großherzigkeit von Menschen, die uns zufällig begegnen; ich denke an den Autofahrer, der nicht auf seinem Recht besteht und mir die Lücke frei macht, in die ich fahren kann. Ich denke an die Nachbarin, die mir mit einem Brot aushilft, weil die Geschäfte schon geschlossen haben. Ich denke daran, dass ich um Entschuldigung bitte – und der andere sagt: „Ist schon ok!“. Ja, wir leben von der Großherzigkeit der anderen.

Von solcher Großherzigkeit handelt ein Gleichnis Jesu. Es erzählt von einem König. Sein Diener schuldet ihm viel, sehr viel sogar. Aber weil der so bettelt, erlässt er ihm die gesamte Schuld. Das ist wahrhaft großherzig.

Was aber dann geschieht, entlockt mir ein „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“. Da hat der gute Mann gerade Großherzigkeit erfahren. Und nun kommt einer, der ihm vergleichsweise wenig schuldet und um Großherzigkeit bittet. Doch dem verweigert er sich, er gewährt ihm nicht einmal Aufschub! Stattdessen lässt er ihn ins Gefängnis werfen.

„Das ist ja nur ein Gleichnis“, mag mancher denken. Doch ist solches Verhalten gar nicht so selten! Menschen leben von der Großherzigkeit anderer, geben diese aber selbst viel zu oft nicht weiter – und manchmal gehöre auch ich dazu.

·         Ich freue mich am Steuer meines Autos über den, der mir die Lücke freimacht, so dass ich mich einfädeln kann – und kurze Zeit später stelle ich mich stur, als ein Anderer eine Lücke sucht.

·         Ich bin dankbar, wenn andere meine Schwächen wahrnehmen und mich trotzdem nicht bloßstellen – und ertappe ich mich dabei, wie ich Witze über die Begrenztheit anderer mit hämischem Grinsen erzähle.

·         Es tut mir gut, wenn andere meine Entschuldigung annehmen, bin aber selbst unversöhnlich, wenn man mich um Entschuldigung bittet.

Jesus weiß, von wem er redet: Er redet von mir!

Dieses Evangelium empfinde ich als eine Einladung zur Großherzigkeit. Ich, der oft so kleinkariert agiert und reagiert, werde eingeladen, großherzig zu sein. Petrus zieht im Gespräch mit Jesus über dieses Gleichnis allerdings Grenzen! „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“ „Siebenmal, das muss doch wohl reichen“,  meint er. „Von wegen“, sagt Jesus, „das reicht nicht. Wenn es sein muss, dann musst du ihm siebenundsiebzigmal verzeihen!“ Und jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich zu rechnen anfange und die Stunden des Tages zusammenzähle, die ich mit anderen verbringe. Wenn ich alles abwäge und zusammenziehe, komme ich bei siebenundsiebzigmal in etwa auf einen Takt von „alle fünf Minuten“ – und das heißt im Klartext: „immer!“ Meine Geduld wird schnell aufgebraucht sein: „Nein, doch nicht schon wieder!“ Wahrhaftig, das ist sehr großherzig, was Jesus da einfordert.

Für solche Großherzigkeit ist Jesus selbst ein sprechendes Beispiel. Man hat ihn gefangengenommen, gedemütigt, geschlagen, verhöhnt, verspottet. Man hat ihn brutal ans Kreuz genagelt. Und jetzt stehen die Täter unter seinem Kreuz. Sie wissen ganz genau, was sie tun. Da öffnet Jesus den Mund und betet: „Vater, vergib  ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“  Siebenundsiebzigmal – bis an die Grenze des Unerträglichen!

Dieses Evangelium vom Maß des Vergebens erzählt von Gottes Großherzigkeit – und es lädt uns ein, großherzig zu sein wie Gott. Vielleicht geht es aber auch noch viel einfacher, und zwar mit der „Goldenen Regel“: „Was du willst, dass man dir tu’, das tu Du auch den anderen.“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Frau Dr. Silvia Katharina Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 10.10.2018 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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