Morgenandacht, 09.10.2018

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Ohne Ansehen der Person (1 Petr 1, 17 – 21)

„Bin ich eigentlich ein Wunschkind?“ Mit dieser Frage überraschte die fünfjährige Anni ihre Eltern. Das wollte sie doch wissen, denn sie wollte natürlich ein Wunschkind sein. „Selbstverständlich bist du unser Wunschkind.“ Dieses Wort ihrer Eltern tat ihr gut.

Aber was heißt schon Wunschkind? Meine Eltern wollten ein Kind - und geboren wurde ich! Ob ich ihren Wünschen entsprach? Schließlich war ich ja kein Designerbaby. Ich war ich und bin ich, ein Mensch mit guten Eigenschaften und Gaben, aber auch mit Ecken und Kanten, die anderen zu schaffen machen.

Wer zählt in unserer Gesellschaft? Nur Wunschkinder? Oder zählt jeder so wie er ist? Vor Jahren saß ich im Vatikan-Pavillon der Expo 2000 bei einer Podiumsdiskussion. „Menschen mit Behinderung“ war das Thema. Prälaten der Caritas, Sachverständige und auch zwei Behinderte diskutierten. Mit dabei war die damalige Gesundheitsministerin der Grünen Andrea Fischer.

Die Wortführer wurden nicht müde zu unterstreichen, was Behinderte alles leisten können. Die gesamte Runde erlag dabei der Versuchung, Wert und Würde des Behinderten nach seiner Leistung zu messen - ein Problem, das auch viele alte Menschen kennen. Das Älterwerden beschert ihnen so manches Defizit. Und weil sie es gewohnt sind, ihre Würde nach ihrer Leistung zu bemessen – den Spiegel bekommen sie schließlich oft genug vorgehalten – kommen sie sich unbedeutend vor: „Ich bin ein Nichts!“

Auf diese Spur geriet auch die Podiumsdiskussion – bis sich Andrea Fischer zu Wort meldete: „Und was ist, wenn ein Mensch so stark behindert ist, dass er nichts mehr allein kann, dass er rund um die Uhr und rund um den Körper gepflegt werden muss, wenn er nichts mehr ohne fremde Hilfe kann? Hat er dann auch noch unsere Anerkennung als Mensch mit Würde?“

Betroffenes Schweigen! Und dann bemühten sich alle eifrig zu betonen, dass dieser Mensch natürlich seine Würde hat. Von dem Augenblick an bekam das Gespräch eine andere, eine bessere Tonart.

Vor Gott muss niemand mit Leistung balzen. Vor Gott muss niemand seine gesellschaftliche oder kirchliche Position ins Spiel bringen. Vor ihm muss keiner seine Heldentaten erzählen. Ohne Ansehen der Person – lese ich im ersten Petrusbrief – verschenkt Gott seine Liebe.

Das ist gegen den gesellschaftlichen Trend, der meint: Du musst deine Würde unter Beweis stellen. Du musst dich durch Titel und Auszeichnungen als „Würdenträger“ ins Spiel bringen. Du musst Leistung vollbringen, um etwas zu sein: „Leistest du was, bist du was!“ Oder: „Hast du was, dann bist du was!“ Kein Wunder, dass mancher sich fragt: Wer bin ich denn noch? Als Arbeitssuchender werde ich oft behandelt, als wäre ich der letzte Dreck. Der Kassenpatient fühlt sich oft spürbar als Patient zweiter Klasse.

Du bist ein Nichts! Wer solche Erfahrungen macht und sie auch noch verinnerlicht, dem sei gesagt: Sei dir deiner Würde bewusst – und wo man sie dir abspricht, setz dir selbst die Krone deiner Würde auf! Kein Geringerer als Gott selbst reicht sie dir.

Und wenn einer meint, er sei bedeutsamer, weil er viel hat oder viel leistet, der soll sich gern daran freuen, aber er soll aufhören, sich für etwas Besseres zu halten. „Was der Mensch vor Gott ist, das ist er, nicht mehr und nicht weniger“ – schreibt Franz von Assisi. Und der Volksmund weiß: „Auch auf dem erhabensten Thron der Welt sitzt du nur auf deinem eigenen Hintern!“

Sicher war ich ein Wunschkind meiner Eltern. Aber ich musste keine Leistung erbringen, um ihr Wunschkind zu sein. Das will auch Gott nicht von mir! Ich wurde geboren, um „ich“ zu sein. Meine Eltern wollten ein Kind – und geboren wurde ich!

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Frau Dr. Silvia Katharina Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 09.10.2018 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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