26. Sonntag im Jahreskreis, 30.09.2018

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Halle


Predigt von Bruder Franz-Leo Barden OFM

Liebe Schwestern und Brüder!

Hier unsere Dreieinigkeitskirche, in der wir diesen Gottesdienst feiern, ist eine recht moderne Kirche. Die Grundsteinlegung war 1929, vor nicht einmal 100 Jahren. Der Architekt Wilhelm Ulrich war dem Bauhausstil verpflichtet und das prägt die Architektur und schlichte Gestaltung des Kirchenbaus. Leider sind im Lauf der Jahrzehnte viele Veränderungen am Bau vorgenommen worden. 2010 hat man bei der Renovierung versucht, möglichst viel vom Urzustand wiederherzustellen. Vor allem bei der starken Farbgebung ist das gelungen.

Die Fenster dagegen hat man im in den Jahren veränderten Zustand belassen. Ursprünglich war es einfaches Industrieglas und keine bunten Glasfenster wie jetzt.

Durch das farblose Glas konnte das Licht ungebrochen in die Kirche eindringen, die Farben der Bäume, des Himmels und der Stadt. Man könnte sagen: die Grenzen zwischen innen und außen wurden fließend. Die Gemeindemitglieder sollten ermuntert und ermutigt werden, hinauszuschauen in die Welt und zugleich die Welt hineinzulassen in unserer Kirche und in unseren Gottesdienst.

Ich glaube, Jesus will uns im Evangelium zu etwas ganz Ähnlichem ermutigen. Da kommen die Jünger und erzählen, dass auch andere, die ihm nicht nachfolgen, in seinem Namen Dämonen austreiben, also Gutes tun. Und die Jünger meinen: wer nicht zur Gruppe der Jesus-Jünger gehört, der darf auch nicht in seinem Namen Gutes tun.

Da muss Jesus den Jüngern erst mal klarmachen, dass der Geist Gottes sich nicht einbinden lässt in Grenzen der Religion oder Kirchenzugehörigkeit. Der Geist Gottes wirkt, wo er will.

Mitten in der Welt.

In Gläubigen und Ungläubigen.

In Frommen und in Lauen.

In Jungen und in Alten.

In Ihnen und in mir.

Und wie können wir glauben, dass wir den Geist einschränken, bestimmen oder gar beherrschen könnten. Das Gegenteil ist der Fall: der Geist, Gottes Geist soll doch uns und alle Menschen durchwirken und bewegen.

Und wir? Ich glaube, wir sollen die Augen aufmachen und uns freuen, über alles Gute, das in der Welt geschieht – egal ob es durch Christen oder nicht-Christen, Deutsche oder Ausländer, Gottesdienstbesucher und Kirchenkritische geschieht. Gottes Geist wirkt, wo er will.

Der Geist wirkt Gutes in uns Menschen. Dafür die Augen und die Herzen zu öffnen lädt uns das Evangelium ein. Und dazu, für das Gute in der Welt immer wieder Gott Dank zu sagen.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, wir wissen leider nur zu gut: es gibt in dieser Welt auch Böses. Und nicht erst seit der Veröffentlichung der Studie zum sexuellen Missbrauch in unserer Kirche müssen wir beschämt bekennen: nicht nur in der Welt, auch in unserer Kirche gibt es Böses. Und nicht nur ein wenig, sondern schrecklich haben sich Priester und andere an ihnen Anvertrauten vergangen und das Vertrauen, das ihnen geschenkt wurde, missbraucht. Wir können nur - wie unsere Bischöfe in dieser Woche - mit Scham und Erschrecken sehen und wahrnehmen, was da geschehen ist.

Jesus findet ganz radikale und scharfe Worte, wenn es um das Böse, um die Verletzung und Ausbeutung von Schwachen geht,

wenn die Mächtigen und die Starken ihre Macht missbrauchen,

wenn vermeintlich „Kleine“ in die Irre geführt werden,

wenn Menschen durch andere verletzt, gedemütigt, heruntergemacht oder verführt werden.

Und so wie der Blick bei dem Guten von uns weg in die Weite gehen soll, dass wir Gott für das Gute, das er überall in der Welt tut, danken und loben, so soll der Blick bei dem Bösen zuerst auf uns selbst gehen. Da wird Jesus ganz persönlich: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt.“ „Wenn Dich dein Fuß zum Bösen verführt.“ „Wenn Dich dein Auge zum Bösen verführt.“

Ganz wachsam sollen wir sein für das, was in unserem Herzen geschieht und das Böse mit Stumpf und Stil aus unserem Herzen verbannen und ausrotten.

Lange genug haben wir in unserer Kirche und die in ihr Verantwortlichen weggeschaut, wenn es um das Thema „sexualisierte Gewalt“, „sexualisierte Übergriffe“ ging. Oft genug scheinen mehr die Täter geschützt worden zu sein, als die Opfer. „Wir haben versagt“, hat unser Bischof, Dr. Gerhard Feige, hier in Magdeburg seine Einschätzung und Erkenntnis aus der Studie kurz zusammengefasst. Das darf nicht wieder geschehen.

Die Sensibilität für die Versuchung zum Bösen, die Jesus im Evangelium einfordert, und das klare und unmissverständliche Einschreiten gegen das Böse haben wir in der Kirche offensichtlich an dieser Stelle nicht gelebt.

Aus dieser Krise müssen Konsequenzen folgen, fordern nicht nur die Opfer dieses Missbrauchs.

Hier haben ja nicht nur einzelne versagt, sondern unsere Kirche als Ganze ist in ihren Instanzen ihrem Anspruch, Anwalt der Schwachen und Kleinen zu sein, nicht gerecht geworden.

Dringend müssen die Opfer einbezogen werden in die Aufarbeitung dieser Untaten innerhalb unserer Kirche. Dringend ist ihnen mehr Gehör zu schenken.

Und es braucht Hilfe von außen, von Fachleuten, die mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen diesen Prozess unterstützen.

Und wir werden auch nicht umhinkommen, genauer hinzusehen, wie weit eine restriktive Sexualmoral in der Kirche, der Klerikalismus und auch der Zölibat der Priester solchen Missbrauch haben begünstigen können.

Nur wenn die Kirche ernsthaft und transparent ihre Versprechen einlöst, die die Bischöfe in diesen Tagen gegeben haben, kann sie wieder Vertrauen gewinnen bei den Menschen. Sonst sind es nur leere Worte gewesen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie schön wäre es, wir bräuchten unseren Blick nur auf das Gute richten und könnten uns an ihm freuen. Aber es gibt in unserem Leben, in unserer Welt und in unserer Kirche auch das Böse. Dem müssen wir uns stellen. Jesus macht uns den Mut, dass wir in seiner Kraft davor keine Angst haben müssen. Im Gegenteil: wenn wir uns dem Bösen stellen, haben wir ihn als ersten an unserer Seite.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 30.09.2018 gesendet.





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