Wort zum Tage, 06.10.2018

Pfarrer Dominik Meiering aus Köln

Was geht das mich an?

Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie bedarf der ständigen Teilnahme der Bürger. Sie fordert von jedem Einzelnen Überlegung und Tatkraft. Der Bürger ist nicht mehr – wie zu früheren Zeiten - Untertan, dem gesagt wurde, was er zu tun habe, sondern er muss sich selber um die Belange des Gemeinwesens kümmern.

Einen entscheidenden Anteil an der Entstehung und Entwicklung der modernen Demokratie hat das Christentum. War die Demokratie im antiken Griechenland noch auf wenige beschränkt – Frauen, Sklaven, Fremde gehörten z.B. nicht dazu - so ist bei uns jeder gleichberechtigt und gleichrangig an den politischen Prozessen beteiligt.

Dafür war die christliche Lehre von der Gleichheit aller Menschen von ausschlaggebender Bedeutung. Nicht mehr Herkunft, Geschlecht, Vermögen bestimmen darüber, ob jemandes Stimme und Meinung im politischen Raum Gehör findet.

Im Brief an die Galater hat dies der Apostel Paulus auf die gültige Formel gebracht:
Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt darum nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich (Gal 3, 27 -28).

Paulus will sagen: Wir sind alle Kinder Gottes, weil wir den einen Vater im Himmel haben, dies hat Jesus immer wieder hervorgehoben. Jeder Mensch hat daher eine unveräußerliche Daseinsberechtigung, die ihm von niemandem streitig gemacht werden kann. Nur in Staaten, die nicht demokratisch sind, werden Personen und Gruppen, die nicht der herrschenden Doktrin entsprechen, ausgegrenzt und verfolgt.

In der Demokratie ist demnach jedes Menschen Meinung zu hören, niemand darf zum Schweigen verurteilt werden. Dies setzt einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Meinung und den Meinungen anderer voraus. Zuhören, Abwägen, Urteilen gehören zu den fundamentalen Prinzipien der Demokratie. Dies gelingt aber nur durch die Bereitschaft zu vernünftigem Denken und Handeln. Dem Christentum haben wir die Lehre zu verdanken, dass jede Person Abbild Gottes ist, sich verantwortlich machen kann. Jeder Mensch ist aufgefordert, über sich hinaus zu denken, mit anderen mitzudenken und vielleicht sogar nach dem Willen Gottes zu suchen.

Hier zeigt sich eine wichtige historische Wirkung des Christentums. Der Mensch ist das Wesen, das die Lage des anderen mitbedenken kann. Das ist das Prinzip der Solidarität. Wiederum der Hl. Paulus hat dies in einem treffenden Bild ausgedrückt: Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich (1 Kor 21 – 22). Die Demokratie lebt demnach von der Teilnahme aller, ohne Ausnahme und Einschränkung.


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Dieser Beitrag wurde am 06.10.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dominik Meiering

Dr. phil. Dominik Meiering, geb. 1970 in Rhede/Westfalen absolvierte von 1989 bis 1996 sein Studium der Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte. Von 1997 bis 2015 war er als Jugendseelsorger in Düsseldorf, Neuss und Köln tätig. Danach folgte von 2015 bis 2018 seine Tätigkeit als Generalvikar des Erzbischofs von Köln. Seit 2018 ist Meiering leitender Pfarrer der Innenstadtgemeinden in der City der Stadt Köln und residierender Domkapitular in Köln. Zudem ist er als Dozent für Liturgik (Musikhochschule Köln) und Homiletik (Diakoneninstitut und Priesterseminar Köln) tätig. Dr. Meiering ist leidenschaftlicher Musiker, Fan des 1. FC Köln und begeisterter Karnevalist.