Wort zum Tage, 15.10.2018

Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

Ich bin da für euch

Sara Cunninghams Sohn ist schwul. Die Mutter aus Oklahoma leidet. Das kann doch alles nicht wahr sein. Das ist falsch, nicht normal. Mein Kind ist krank. Sara ist ganz engagiert in einer freichristlichen Gemeinde. Aber da sagen sie ihr auch nur, dass sie so schnell wie möglich versuchen soll, ihren Sohn wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Sara verzweifelt. Sie verurteilt ihren Sohn und findet es schrecklich, dass er einen Mann liebt. Gleichzeitig merkt sie deutlich, dass ihr Verhältnis zueinander sich abkühlt. Je mehr sie sich über ihn aufregt, desto mehr grenzt ihr Sohn sich ab. Bald kommt er gar nicht mehr nach Hause.

Sara wird wütend. Es kann doch nicht sein, dass ich mein Kind verliere. Also stellt sie sich dem Thema: Homosexualität. Sie recherchiert im Netz, spricht mit Leuten in Chats und face to face, liest in der Bibel. Sara erfährt dabei aber nicht nur viel darüber, wie es Homosexuellen geht, die von ihren Familien nicht akzeptiert werden. Das Ganze wird für sie immer mehr zu einer Reise zu sich selbst. Sie stellt sich dem, wovor sie Angst hat und was sie verurteilt. Und baut beides nach und nach ab: Ängste und Vorurteile. Inzwischen ist sie wütend auf sich selbst, weil sie jahrelang so verschlossen und verbohrt gewesen ist. Weil sie darüber ihren Sohn nicht gesehen hat. Sie war in einer der entscheidendsten Phasen seines Lebens nicht da, weil sie gedacht hat, er sei nicht richtig.

Sara Cunningham ist aktiv geworden. Vor allem, nachdem sie erkannt hat, wie viele Eltern den Kontakt zu ihren Kindern nach dem Coming Out abbrechen. Wie viele Familien daran zerbrechen. Sie hat eine Aktion gestartet. Auf ihrer Facebookseite hat sie gepostet:

„Wenn ihr eine Mutter braucht, die auf eure schwule oder lesbische Hochzeit kommt, weil eure wahre Mutter nicht dabei sein will, dann gebt mir Bescheid. Ich bin da für euch. Ich werde euer größter Fan sein.“

„Ich bin da für euch.“ Besser kann man gar nicht auf den Punkt bringen, worum es geht. Sara steht hinter den Paaren, stärkt ihnen den Rücken und freut sich mit ihnen über die Liebe.

Dabei will sie auf keinen Fall die Familien der Paare angreifen. Im Gegenteil: sie bietet immer an, sich mit den Familien und den homosexuellen Kindern zu treffen. Um zu sprechen, um sich zu verstehen. Inzwischen gibt sie Workshops zu diesem Thema. Und es haben sich ihr ganz viele Menschen angeschlossen, die sich auch als Ersatz-Hochzeits-Eltern anbieten.

Ich habe großen Respekt vor Sara. Davor, dass sie es geschafft hat, sich mit ihrem persönlichen Tabuthema auseinanderzusetzen. Und davor, dass sie es geschafft hat, ihren Sohn zu verstehen und ihn genauso anzunehmen, wie er ist.

Sie leistet darüber hinaus noch viel mehr. Sara Cunningham zeigt, dass es völlig egal ist, wen ich liebe, wie ich lebe, woher ich komme. Wichtig ist, dass wir uns wirklich ansehen und verstehen.


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Dieser Beitrag wurde am 15.10.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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